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Tübinger Punks dokumentierten ihr Leben in einem Bildband
An Tagen wie diesem

Tübinger Punks dokumentierten ihr Leben in einem Bildband

Wie der Alltag von Punks, Obdachlosen oder Drogenabhängigen aussieht, glaubt jeder zu wissen. Die Tübinger Streetworker haben ihnen Einmal-Kameras in die Hand gedrückt – und sie ihr Leben einfach selbst erklären lassen.

28.08.2012
  • Katharina Mayer

Tübingen. Ein Jahr lang haben die jungen und nicht mehr ganz so jungen Erwachsenen, die die Streetworker der Bruderhausdiakonie betreuen, ihr Leben fotografisch dokumentiert.

„Einzeln / Frisst einen die Flut / Frisst einen die Welt auf / Sie verdaut sogar die Wut“, schreibt eine der Künstlerinnen im einleitenden Gedicht. Von ihr stammen auch die Schwarz-Weiß-Fotografien im 48-seitigen Bildband – oft ebenso verstörend wie schön. Sie zeigt ihre Freunde als ganz normale Menschen, nicht als die Freaks, als die sie im öffentlichen Raum oft abqualifiziert werden: Zwei junge Männer zum Beispiel, die im Garten ein Fahrrad reparieren – ein Bild, wie es in jeder Studenten-WG hätte entstehen können. Oder eine Situation auf der Couch, die Fotografierten lächeln in die Kamera, schauen misstrauisch oder ignorieren die Fotografin. Auch das eine alltägliche Situation, wenn nicht die kahlen Wände hinter den Dreien, ihr Äußeres und ein Quäntchen Chaos daran erinnern würden, in welchem Kontext das Bild aufgenommen wurde.

Viele Porträts, ob farbig oder nicht, zeigen die emotionale Nähe der Fotografen zu ihrem Gegenstand. Aus dem Foto-Objekt wird ein Subjekt, beim Anschauen verfällt der Betrachter leicht in die Perspektive des Fotografen. Dabei wird Lebensfreude und Selbstironie anhand von Partybildern oder gestellten Szenen ebenso sichtbar wie der triste Alltag. Etwa, wenn zwei Punkerinnen mit ihren Hunden in der Innenstadt beim Schnorren abgelichtet werden – und der missbilligende Blick einer Passantin gnädig durch einen schwarzen Balken retuschiert wird. Im Gespräch betonen die beiden Streetworker Morwenn Heimerdinger und Felix Seeger, die das Projekt begleitet haben, immer wieder das kreative Potenzial ihrer Schützlinge. Dass das nicht übertrieben ist, wird im Bildband sichtbar: Musik ist für viele der Fotografierten ein essenzieller Lebensbestandteil. Einige Bilder zeigen deshalb Konzertszenen, die eines gemeinsam haben – bedingungslose Leidenschaft.

Vielseitige und eindrucksvolle Momentaufnahmen, schreiben Heimerdinger und Seeger im Klappentext, seien bei dem Fotoprojekt entstanden – „mal kreativ, mal nachdenklich, vor allem aber authentisch“. Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass der Bildband nicht einfach bestehende Stereotypen zementieren soll: „Wir hätten gern, dass auf der einen Seite Klischees bestätigt werden und auf der anderen Seite gar nicht“, sagt Morwenn Heimerdinger. Sie hofft, dass die Bilder den Betrachter überraschen.

Monatelang haben die Streetworker an dem Projekt gearbeitet, hunderte Fotos gesichtet, bearbeitet, das Heft zusammengestellt das den Titel „Tage wie dieser“ trägt. Tage wie jene also, die Heimerdingers Schützlinge in die Brunnenstraße 9 führen. Dort ist die Beratungsstelle der Streetworker untergebracht. „Unsere Klientel sind junge Erwachsene und Erwachsene aus der Punk- und Obdachlosenszene“, sagt Streetworker Felix Seeger. „Wir intervenieren oft in Krisen.“ Ob Sucht-, Wohnungs- oder Finanzprobleme, „bei uns geht es um Existenzgrundlagen“. Und so erzählt auch der Bildband Geschichten aus einer Welt, die dem Betrachter vertraut scheint und doch fremd ist.

Finanziert wurde das Fotoprojekt mit Spenden der Aktion Mensch, der Paul-Lechler-Stiftung und der Kreissparkasse Tübingen. Den Druck mit einer Auflage von 500 Stück übernahm die Grafische Werkstätte der Bruderhausdiakonie. Eine ISBN-Nummer hat das Heft daher nicht. Es ist für sechs Euro bei den Trottwar-Verkäufern zu haben. Ihnen kommt die eine Hälfte des Verkaufspreises zugute, die andere wollen die Streetworker in weitere Aktionen mit ihren Foto-Künstlern investieren.

Tübinger Punks dokumentierten ihr Leben in einem Bildband
Eine Auswahl aus dem Bildband „Tage wie diese“: Alltagssituationen treffen auf Partybilder und persönliche Porträts. Bilder: Bildband

Tübinger Punks dokumentierten ihr Leben in einem Bildband
Die Streetworker Felix Seeger und Morwenn Heimerdinger sichten Bilder für den Fotoband.Bild: Faden

Streetwork Tübingen gehört zur Bruderhaus-Diakonie und wendet sich an (junge) Erwachsene in prekären Wohn- und Lebenssituationen, für die das Leben sich oft auch im öffentlichen Raum abspielt. Die beiden Streetworker Morwenn Heimerdinger und Felix Seeger bieten sowohl aufsuchende Sozialarbeit auf der Straße und in Privatwohnungen, als auch eine Anlaufstelle in der Brunnenstraße 9. Die Streetworker beraten und helfen bei nahezu allen Problemfeldern von der Ärztewahl bei Krankheit über die Wohnungssuche bis hin zu Ämterangelegenheiten. Sie begleiten auch bei Vorstellungsgesprächen, Anwaltsbesuchen und Gerichtsverhandlungen. Anders als die Mobile Jugendarbeit, deren Büro sich am Hauptbahnhof befindet, wendet sich Streetwork Tübingen an Erwachsene, die von Stigmatisierung betroffen sind und bearbeitet deren spezifische Problemfelder. Die Streetworker sind im Büro unter der Festnetz-Nummer 07071 253 593 oder mobil unter 0151 582 564 10 (Morwenn Heimerdinger) und 0151 163 506 53 (Felix Seeger) erreichbar. Der Bildband kann auch in der Brunnenstraße erworben werden.

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28.08.2012, 12:00 Uhr

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