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Tübinger Schnäppchensommer

Wer nicht wirbt, der stirbt, heißt es. In Tübingen gibt es bisweilen Wiedergänger. In der Neuen Straße beispielsweise lacht den Passanten Kaffee-Reklame aus dem Schaufenster einer Bäckerei an. Wahlweise „samtig-elegant“ oder „mild veredelt“. Hier allerdings eher kleingedruckt-versteckt.

24.08.2010

Ein paar Schritte weiter lockt die nächste Bäckerei mit Quarkstullen für 2,28 Euro: „ganz besonders saftig und frisch“. Die Stulle springt einen förmlich an. Wie auch im Nonnenmarkt „Oma’s Zwetschgenküchle“ mit Genitiv-Apostroph. Bunte Bilder reifer Zwetschgen sollen den Appetit anregen. Leider schreckt mich der Apostroph ab.

„Sonnenschutz für Innen und Außen“ gefällig, den eine Apotheke auf dem Weg zum Neckar vollmundig anpreist? Dummerweise regnet es gerade. Frische persische Datteln im Feinkostgeschäft gefällig? Oder lieber Tofu. „Schenkst du uns was?“ betteln die Punks am Nonnenmarkt. Schade, ich habe doch keine Datteln gekauft.

Die Tübinger Innenstadt kann, was die Werbe-Beschilderung anbelangt, locker mit dem Einkaufsparadies Reutlingen mithalten. Und zwar mit akademischer Note. Ein Brillengeschäft in der Neuen Straße wirbt US-amerikanisch mit Brillenbügeln: „The new Color of Sports“, die neue Farbe des Sports. Am Briefkasten dahinter prangt winzig gedruckte Kapitalismus-Kritik auf einem Aufkleber. Demzufolge ist der Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft eine „ungeheure Warenansammlung“. Wie wahr.

Werbung satt in der Innenstadt. Heimweh ins Steinlachtal? „Mössinger Sommer“ – Stadtgärtner Felgers Blumensamenmischung gibt’s in der Metzgergasse als Dreingabe zu fair gehandelten Kartoffeln. Auf dem Weg zum Wilhelmsstift werden regionale Köstlichkeiten angepriesen.

Samt Wein vom Bodensee und Johannisbeer-Cidre aus Gärtringen. Global denken, lokal handeln, so hieß es doch. Wie wär‘s mit Briefmarken? 29 Briefe mit Papstreisen von Johannes Paul II. verspricht ein Fachhändler in der Langen Gasse für 15 Euro. Dazu Raritäten bis aus Weimar und ein Marken-Gedicht: „Kein Besitz er kommt dem meinen gleich.“

Dem meinen auch nicht. Rabatte, Rabatte, Rabatte, wohin ich auch blicke: Stoffe 29 Prozent, Schuhe 25 Prozent, Hosen um die Hälfte. Drei Stück kaufen und viermal kürzen. Ein Pilotenhelm für 159 Euro. Der Billighaarschnitt für elf Euro. Energiesparen mit MHL, was immer das heißt. Uhren mit Geschichte, Kaffee mit Tradition, Pralinen mit süßen Sprüchen. Bürger, achtet auf eure Anlagen am Lustnauer Tor. „Kaufen Sie den riesen Urlaubswurf!“ lockt ein Reisebüro mit eigenwilliger Grammatik. Hauptsache, man bleibt stehen und stutzt. Und kauft zum Schluss vielleicht eine fair gehandelte Butterbrezel.

Matthias Reichert

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24.08.2010, 12:00 Uhr

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