Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Tortenwurf für Aufklärung

Tübinger Solidaritäts-Kuchenesser unterstützen Heilbronner Antifaschisten

Weil am 7. Februar eine Himbeertorte auf Kopf und Jacket von Landesinnenminister Reinhold Gall landete, steht nun ein Heilbronner Antifaschist vor Gericht. „Torte statt Worte“ – das galt dem SPD-Politiker für seine „fortgesetzte Verhinderung der Aufklärung“ im NSU-Komplex. Am Sonntag solidarisierten sich 80 Tübinger bei einem Tortenessen mit dem 20-jährigen Werfer.

17.11.2014
  • Volker Rekittke

Stan Laurel ist Schuld. Typisch, würde Oliver Hardy sagen. Eine von Stan achtlos hingeworfene Bananenschale löst im Kurzfilm „Battle of the Century“ von 1927 die wohl schönste Tortenschlacht der Filmgeschichte aus.

Im Veranstaltungsraum des Wohnprojekts „009“ im Französischen Viertel löste die Filmsequenz am Sonntagnachmittag Jubel, Trubel, Heiterkeit aus – und das nicht nur bei den jungen Besucher(inne)n. Wobei: Mit sahnetortevollem Mund ist gar nicht so einfach Lachen. Zwölf Torten hatten die gut 80 Solidaritäts-Esser am Ende gefuttert. Bei dem „Solicafé“ kamen rund 800 Euro für die Prozesskostenhilfe zusammen (einen Spendenaufruf gibt es bei der Roten Hilfe Heilbronn).

„NSU-Aufklärung statt Repression“ forderte der 20-jährige Tortenwerfer bei seinem Vortrag im „009“ – und verwies auf „viele offene Fragen“ im Fall der Polizistin Michèle Kiesewetter, die am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese von Unbekannten mit einem gezielten Kopfschuss getötet, ihr Kollege lebensgefährlich verletzt worden war. Bei dem „Schlüsselfall“ in Sachen „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) wurde eine andere Tatwaffe benutzt, als bei den Morden an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer.

Auch ging die Polizei aufgrund von Zeugenaussagen lange von vier bis sechs Tätern aus – und nicht, wie die Bundesstaatsanwaltschaft heute, nur von den zwei Tätern Mundlos und Böhnhardt. Weitere Merkwürdigkeiten: Am Tag des Mordes waren mindestens zwei V-Leute der Heilbronner Polizei in Tatort-Nähe, die nach Aussagen des überlebenden Polizisten angefertigten Phantombilder wurden nie veröffentlicht. Mindestens drei baden-württembergische Polizeibeamte waren beim Ku-Klux-Klan – darunter Kiesewetters damaliger Polizeiführer. Mysteriös auch der plötzliche Tod von zwei wichtigen Zeugen: Kurz vor der Vernehmung starb V-Mann „Corelli“ an einer „nicht erkannten Diabetes“, der andere beging angeblich Suizid aus Liebeskummer, was seine Eltern stark bezweifeln.

Trotz aller Ungereimtheiten habe SPD-Innenminister Gall lange versucht, einen Untersuchungsausschuss zu verhindern, so der Antifaschist, der keinesfalls nach Jugendstrafrecht vor Gericht stehen will – was bis zum Alter von 21 möglich wäre: „Das war eine bewusste Aktion, keine Jugendsünde.“

Zur Sprache kam auch die Rolle der Tübinger SPD-Landtagsabgeordneten Rita Haller-Haid, die einen Untersuchungsausschuss ebenfalls abgelehnt hatte und lediglich für eine Enquetekommission war. „Wie kann diese Politikerin jetzt in einem Untersuchungsausschuss für Aufklärung sorgen und kritische Fragen stellen?“, wollte ein „009“-Besucher wissen.

Dass der politische Tortenwurf auch in Tübingen eine Tradition hat, zeigte eine weitere Geldspende. 200 Euro wurden von einem damit aufgelösten Solidaritätskonto nach Heilbronn überwiesen. Das Geld war für studentische Tortenwerfer gesammelt worden, die 2005 im Festsaal der Tübinger Uni Peter Gaehtgens eine Schoko-Sahne-Torte ins Gesicht gedrückt hatten. Der damalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz hatte recht cool reagiert und auf eine Anzeige verzichtet. Die Geschmacksrichtung sei „gar nicht so schlecht“, entfuhr es dem Professor damals, und: „Die vier Herren haben in der Sache Recht, ich bin für Studiengebühren.“

Deutlich humorloser war vor neun Jahren die Reaktion von Staatsanwaltschaft und Polizei. Die zunächst mit Feuereifer betriebenen Ermittlungen wegen Sachbeschädigung wurden jedoch bald wieder eingestellt.

Zwar verzichtete aktuell auch Innenminister Gall auf eine Anzeige („der wollte nicht den Buhmann spielen“), doch eingestellt wurde das Verfahren gegen den Antifaschisten bislang nicht. Versuchte sowie fahrlässige Körperverletzung, Nötigung und versuchte Sachbeschädigung lauten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, die in ihrem Strafbefehl 1200 Euro Geldstrafe gefordert hat. Hinzu kommen 2500 Euro Schadensersatz, die ein Personenschützer Galls im Zivilverfahren einklagen will. Der Bodyguard war beim Tortenwurf, den er nicht verhinderte, über ein Mikrophonstativ gestolpert, zog sich eine Schürfwunde am Schienbein zu, prellte sich eine Kapsel am linken Zeigefinger. Immerhin rutschte er nicht auf Sahne aus. Das Zivilverfahren wertet der Tortenwerfer denn auch „als Retourkutsche durch die Hintertür“.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball