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Elektrisch für alle mobil

Tübinger Stadtverkehr testete Elektrobus

Tübingen als Stadt der Elektromobilität – diese Vision teilen auch die Verantwortlichen der Tübinger Stadtwerke. Doch der Weg ist noch weit. Ein wichtiger Abschnitt ist jetzt der Test eines Elektrobusses. Die vergangenen Tage fuhr er bereits durch Tübingen. Und erregte viel Aufsehen.

11.08.2012
  • gernot stegert

Tübingen. Der Bus fällt auf und passt nicht zum Gelb-Rot des Tübinger Stadtverkehrs. Ein roter Stromstecker und Schrift in tschechischer Sprache auf weißem Grund, grün aufgemalte Pflanzen und himmelblaue Scheiben. Von Außen sehen sie verklebt aus, kein Blick dringt hinein. Doch von Innen ist die Aussicht gut. Die Folie trübt den Blick kaum. Wie sich am Donnerstag bei einer Testfahrt zeigte, zu der die Tübinger Stadtwerke geladen hatten.

Das Besondere und das Testenswerte aber ist nicht das Äußere, sondern das Verborgene. Der Bus hat einen Elektroantrieb und verfügt über 180 Batterien als Speicher. Das reicht für durchschnittlich 180 Kilometer am Stück ohne Nachladen.

Dass das Fahrzeug tschechisch beschriftet ist, hat einen guten Grund. Es ist kein Prototyp, wie ihn deutsche Hersteller nach Auskunft von Stadtwerke-Geschäftsführer Ortwin Wiebecke bisher nur liefern können. Vielmehr handelt es sich um ein Produkt der tschechischen Firma SOR, das in Ostrava bereits seit zwei Jahren im alltäglichen Einsatz ist.

Beim Anfahren ist ein Surren zu hören, es klingt wie bei einer ruhigen Straßenbahn. Der Ton ist also weder für Fußgänger gefährlich leise noch störend laut. Bei den Tübinger Schlaglöchern aber wird schnell spürbar, dass man nicht auf Schienen dahingleitet: Es rüttelt und schüttelt wie in den vertrauten Tübussen.

Die Testfahrt führt über die Neckarbrücke durch die Mühlstraße auch den Österberg hinauf. Der 600-Volt-Antrieb hat keine Probleme. „Berge sind überhaupt kein Problem“, sagt Karlheinz Gettler vom Midea-Elektrobus-Vertrieb. Der Bus habe kein Getriebe und könne so die Kraft direkt auf die Straße umsetzen. Auf ebener Strecke fährt das Fahrzeug bis zu 80 Kilometer in der Stunde.

Kettler hofft, beim Tübinger Stadtverkehr einen Abnehmer zu finden. In die neuen Bundesländer habe man bereits ausgeliefert. Und in der Hohen Tatra zeige der Bus seine Unempfindlichkeit auch gegen extreme Kälte. Stadtwerkechef Wiebecke gab sich offen – aber nicht entschieden. Einen Elektrobus, der funktioniere, würde er einem Hybridfahrzeug vorziehen. „Da steckt dann auch unser Produkt drin: Ökostrom.“ Und die Batterien würden als Stromspeicher dienen. Doch müssten die Untersuchungen erst ausgewertet werden.

Gemeint waren die umfangreichen Tests in dieser Woche. Sie bestanden nicht allein in einer Rundfahrt mit Vorführung. Vielmehr wurde der Elektrobus am Mittwoch von 9.22 Uhr bis 17.52 Uhr und am Donnerstag vormittag auf der Linie 20 zwischen Hauptbahnhof und Rappenberg eingesetzt. Stadtverkehr-Abteilungsleiter Thomas Pawlaczyk ist bisher zufrieden. Entsprechend hätten sich auch die Fahrgäste spontan geäußert. Eine systematische Befragung wurde zusätzlich durchgeführt. Die Auswertung soll wie die gesamten Testergebnisse im September vorliegen. Dann werde auch zum Vergleich noch ein Hybridbus getestet.

Eine Anschaffung ist auch eine Frage des Geldes. Der getestete Bus kostet fast eine halbe Million Euro, 2,5 Mal so viel wie ein Dieselfahrzeug, sagte Gettler. „Ohne Förderung ist das nicht zu bezahlen“, sprach Wiebecke Klartext, zeigte sich aber zuversichtlich, dass es diese geben könne. Gettler sagte, Landesverkehrsminister Winfried Hermann habe bereits Wohlwollen signalisiert. Bei einem Bus in Wismar hätten Bund und Land 90 Prozent Zuschuss gegeben.

Zweifellos angetan waren die Tübinger vom ökologischen Nutzen des Elektrobusses. Pro Jahr könnten mit einem Fahrzeug 78 Tonnen CO2 eingespart werden, erläuterte Pawlaczyk und sagte: „Unser Ziel ist der emissionsfreie Nahverkehr in der Innenstadt.“

Tübinger Stadtverkehr testete Elektrobus
Der tschechische Elektrobus bei einer Testfahrt in Tübingen – hier beim kurzen Halt auf der Neckarbrücke. Bild: Stegert

Der getestete Elektrobus stammt von der tschechischen Firma SOR, die in Osteuropa und auch in den neuen Bundesländern schon lange im Geschäft ist. Das Modell EBN 10,5 ist etwas über zehn Meter lang, hat drei Türen und bietet 66 Personen Platz, davon allerdings nur 19 sitzend. Die Basis ist ein konventioneller Niederflurbus.

Beim Bremsen wird Energie zurückgewonnen und gespeichert. Die Lithium-Ionen-Batterien haben eine Gesamtkapazität von 172 Kilowattstunden. Das reicht im Stadtverkehr bei durchschnittlicher Belegung mit Fahrgästen für 150 bis 180 Kilometer.

Wegen seiner Größe und Reichweite kommt der EBN 10,5 nicht für alle Strecken in Frage. Lange Linien mit vielen Fahrgästen kann der relativ kleine Bus nicht befördern. Dafür passt er umso mehr in die Innenstadt.

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11.08.2012, 12:00 Uhr

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