Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Bruckners Keckste

Tübinger Studentenphilharmonie und Wolfram Arndt proben

Sonst bläst er in Klangkörpern der Champions League, aber Wolfram Arndt arbeitet auch gern „mit hoch motivierten Laienorchestern“. Am 5. Juli spielt er mit der Studentenphilharmonie das Konzert von Ferdinand David.

28.06.2012
  • Thomas Ziegner

Tübingen. Bei den Berliner Philharmonikern saß er am Pult, wechselte ein Jahr zur Mailänder Scala, arbeitete mit Daniel Barenboim bei der Deutschen Oper, wirkte zehn Jahre in Bayreuth mit und wird bald die Soloposaunistenstelle der Wiener Philharmoniker einnehmen. Lauter erste Adressen, die der TAGBLATT-Berichterstatter mit der Fußball Champions League vergleicht: „Herr Arndt, das ist also wie ein Wechsel von Real Madrid zu Barcelona oder München ?“

Der 1964 geborene Virtuose, Professor in München, lächelt: „Des passt, bloß sind die Ablösesummen nicht ganz so hoch“. Als ihn während der Probe zum Posaunenkonzert von Ferdinand David mehrmals der vorzügliche, enorm temperamentvolle Dirigent Thomas Hauschild bittet, auch kraftzehrende Passagen des Orchesters wegen zu wiederholen, brummelt er: „Passt scho‘“.

Starken Beifall spenden die Tübinger Musiker(innen) dem Solisten nach dem letzten, wundervoll gelungenen Durchlauf. In den Ecksätzen, zumal im Finale, hat er unter anderem riesige Intervallsprünge im Raum von dreieinhalb Oktaven und rascheste Tonrepetitionen und Triller zu bewältigen. „Vom Notenbild her schaut’s recht einfach aus“, sagt Arndt, „meine Tochter ist Geigerin und hat mich ausgelacht, als ich ihr die Noten zeigte. Natürlich wusste sie, dass es auf der Posaune sauschwierig zu spielen ist“.

Dirigent Hauschild liebt amüsante Zwischenrufe

Schon lange ist das Werk in deutschsprachigen Landen Pflichtstück für jeden Bewerber, der eine Orchesterstelle anstrebt und „inzwischen haben auch die Musiker(innen) in den USA und Japan die Vorzüge des Stücks erkannt“, berichtet Arndt und begründet: „Es ist nämlich auch abgesehen von den technischen Herausforderungen musikalisch höchst reizvoll. David war der Konzertmeister Mendelssohns in Leipzig und hat sich kompositorisch einiges von ihm abgeschaut. Und der langsame Mittelsatz stimmt recht gut zu Beethovens Coriolan-Ouvertüre, dem ersten Programmpunkt im Festsaal-Konzert am 5. Juli.“ Kaum noch verwendet wird das Adjektiv „keck“, mit dessen Superlativ Bruckner seine sechste Sinfonie bedachte: „Meine Keckste“. Verwandt sind Bezeichnungen wie „erquickend“ und „quecksilbrig“, und die Bedeutung von „frech“ liegt nahe, allenfalls milde tadelnd.

Erquickend und quecksilbrig, anfeuernd sind die verbalen Einwürfe von Thomas Hauschild während der Probe vom Scherzo der Sechsten, am frühen Nachmittag, als sich eine leichte Müdigkeit breitzumachen droht. Er stößt ein lang gehaltenes, gepresst-misstönendes „Schnööök“ aus; so hätten die Streicher eben intoniert. Das ist natürlich grotesk übertrieben, verpackt den Tadel amüsierend.

Hauschild stellt sich verbal ungeduldig, probiert indes mit großer professioneller Geduld so lange, bis es sitzt. Höchst spannend die Entwicklung von Passagen, die zunächst bloß leidlich korrekt klingen, nach Hauschilds Feinarbeit aber wie beseelt. Da lässt er mehrmals einen chromatischen Sechzehntel-Abwärtsgang der zweiten Geigen in Terzen wiederholen, den Bruckner in vier Takten mit Achtel-Triolen auffängt, just an der Schnittstelle zu einem neuen Abschnitt. Große Aufmerksamkeit schenkt Hauschild diesen vier Takten, singt vor, wie es klingen soll, mit einem wohldosierten Crescendo und Decrescendo. Nach einigen Durchgängen klingt die Stelle aufregend lebhaft.

Solche Übungen haben bei Hauschild Modellcharakter: Die an ihnen gewonnene Nuancierungskraft wird auf andere Passagen übertragen, wie auf den Abschnitt vor dem Trio.

Kurios ein Proben-Unfall im 45. Takt: Wohl zehn Mal haben die Bässe und Celli die drei spitzigen Unisono-Viertel, Anlauf zum Scherzo-Finale („diabolischer“, fordert Hauschild) problemlos gespielt, als im elften Durchgang statt der drei Töne in Vierteln sechs Achtel erklingen. Celli und Bässe haben zeitversetzt begonnen; Gelächter, das sich noch steigert, als sich Hauschild zum TAGBLATT-Probengast umdreht und sagt: „Hätten wir das mit Absicht vorführen wollen, wir hätten es nicht hingekriegt.“Immer wieder wird an zahlreichen Details deutlich, dass ein „motiviertes Laienorchester“, (mit dem Arndt „manchmal lieber konzertiert als mit routiniert-lustlosen Profis“) fehlende Erfahrung mit intensiver Probenarbeit wettmachen kann. Und wie Hauschild Bruckners Experimentierlust herausarbeitet, lässt ein überaus hörenswertes Konzert erwarten.

Info: Die Studentenphilharmonie spielt am Donnerstag, 5. Juli um 20 Uhr im Tübinger Festsaal Beethovens Coriolan Ouvertüre, Ferdinand Davids Concertino für Posaune und Orchester und Bruckners Symphonie Nr. 6.

Tübinger Studentenphilharmonie und Wolfram Arndt proben
„Passt scho‘“: Posaunist Wolfram Arndt probt im Festsaal mit der Studentenphilharmonie Tübingen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.06.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball