Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Noch zwei Rechnungen offen

Tübinger Teilorte sind mit der Kernstadt zufrieden

Auch wenn nicht alle versprochenen Hallen und Hallenbäder gebaut wurden – das meiste von dem, was sich die acht Tübinger Teilorte im Jahr 1971 bei ihrer Eingemeindung ausbedungen haben, haben sie inzwischen von der Kernstadt bekommen.

02.10.2008
  • Sepp Wais

Tübingen.„Unsere Bilanz kann sich sehen lassen“, freut sich Jochen Großhans, der altgediente Leiter des Fachbereichs Interne Dienste: „Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Zusagen in den Eingliederungsverträgen erfüllt.“ Diesem Umstand ist es seiner Ansicht nach ganz wesentlich zu verdanken, dass die Integration der einst selbstständigen Dörfer so reibungslos gelungen ist: „Landauf landab wird man kaum eine Kommune finden, wo das so harmonisch gelaufen ist wie in Tübingen.“

So denkt man nicht nur im Tübinger Rathaus, sondern auch draußen in den Teilorten. „Wir sind alle zufrieden“, bestätigt der Weilheimer Ortsvorsteher Roland Glaser. Mit 34 Ehrenamtsjahren ist er der dienstälteste unter den acht Ortsvorstehern und konnte damit den Integrationsprozess am längsten mitverfolgen. Sein Urteil: „Das ist insgesamt sehr gut gelaufen.“ So gut für die Dörfer, dass Großhans inzwischen eher die Kernstadt im Nachteil sieht: „Wenn ich sehe, was anderswo alles gebaut wurde – und wir haben bis heute noch keine anständige Stadthalle.“

Dass sich die Ortschafts- und Stadträte jetzt mit dem Thema Eingliederung befassten, geht auf eine Initiative von OB Boris Palmer zurück. Er regte im Wahlkampf an, die mittlerweile 37 Jahre alten Verträge daraufhin abzuklopfen, was erledigt und was noch zu tun ist. Es wurde Zeit. Denn als man sich in den neun Rathäusern an die Arbeit machte, stellte man überrascht fest, dass in all den Jahren seit 1971 niemals ein Versuch unternommen wurde, Soll und Haben zu bilanzieren.

Dabei hatten die Schultes der acht Dörfer (mit Ausnahme von Bebenhausen, das nichts verlangte) so zäh mit Tübingen gerungen, als gelte es unter den Bedingungen einer feindlichen Übernahme die Fortexistenz ihrer Flecken zu sichern. Insgesamt handelten sie sich für die Aufgabe ihrer Selbstständigkeit über 160 zumeist kostspielige Einzelprojekte aus. Dabei ging es um die Planung und Erschließung neuer Baugebiete, um Straßen und Feldwege, Brunnen und Wasserleitungen, Kindergärten und Schulhäuser, Leichenhallen und Feuerwehrhäuser, Sport- und Mehrzweckhallen und nicht zuletzt auch um Frei- und Hallenbäder.

Der damalige Oberbürgermeister Hans Gmelin fand all das mehr recht als billig. „Das gehörte Anfang der 70er Jahre nach allgemeiner Auffassung zu einer gesunden Infrastruktur“, erinnert sich Großhans, „und wie Gmelin hat auch der Gemeinderat ernsthaft geglaubt, dass der ganze Katalog finanzierbar ist.“ Und zwar nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern in den ersten zehn Jahren nach der Eingliederung. Mit dieser Zusage wurden die Verträge unterschrieben – ohne jeglichen Finanzierungsvorbehalt.

In der Folgezeit haben die Teilorte, freilich nur selten in der zugesagten Zehnjahresfrist, die meisten und zumeist auch die für sie wichtigsten Morgengaben erhalten. Und einiges mehr. Vom Brunnen in Bühl über den Sportplatz in Hagelloch bis zur Schönbuchhalle in Pfrondorf – überall in den Dörfern findet man auf Schritt und Tritt Zeugnisse kernstädtischer Vertragstreue. Mitunter bekamen die Teilorte sogar Wünsche erfüllt, die sie heute verwünschen – die flotte Ortsdurchfahrt von Unterjesingen etwa, für die der Ortschaftsrat nun einen Rückbau fordert.

Aus den (teils gemeinschaftlichen) Hallenbädern für Kilchberg, Weilheim, Hirschau und Pfrondorf sowie aus den Freibädern für Hagelloch und Unterjesingen wurde allerdings nichts. „Darauf und auf ein paar andere Dinge verzichten wir ohne Groll“, sagt Glaser dazu, „wir wissen, dass das nicht machbar ist.“ Bisher hat noch kein Teilort auf sein Bad gepocht. Spätestens in den Sparrunden Ende der 1980er Jahre, so Großhans, habe sich auch in den Dörfern die Einsicht durchgesetzt: „Ein Hallenbad, das wir nicht aufmachen, brauchen wir nicht zu schließen.“

Neben kleineren Restposten, zu denen beispielsweise die Zentralheizung fürs Weilheimer Rathaus gehört, hat die Kernstadt nur noch zwei große Rechnungen aus den Eingliederungsverträgen offen. Zum einen den 1987 schon mal beschlossenen, dann aber gescheiterten Bau einer 2,7 Millionen Euro teuren Sporthalle für Kilchberg und Bühl. Und zum anderen den auf 400 000 Euro veranschlagten Bau eines neuen Feuerwehrhauses in Pfrondorf.

Wann diese Altlasten angepackt werden, blieb allerdings offen, als Palmer dem Gemeinderat die „Abschlussbilanzen“ vorlegte.Vertragliche Garantien ohne juristischen WertSo akribisch die Eingliederungsverträge von 1971 auch ausgearbeitet wurden, de facto handelt es sich dabei nur um politische Absichtserklärungen. Juristisch sind sie nichts wert. Ganz einfach deswegen, weil es niemand gibt, der sie einklagen könnte.

Denn mit der Unterzeichnung des Vertrags, der beispielsweise den Pfrondorfern ein Hallenbad garantierte, erlosch das Dorf als eigenständige Körperschaft und damit auch als klageberechtigte juristische Person. Und Tübingen selbst kann sich wegen des Pfrondorfer Hallenbads nicht vor den Kadi zitieren. Den beteiligten Bürgermeistern war dieses Problem bewusst. Sie unterschrieben trotzdem – um der von Stuttgart angedrohten Zwangseingemeindung zu entgehen.

Tübinger Teilorte sind mit der Kernstadt zufrieden
Auch eine Tübinger Morgengabe zur Eingliederung: die 1988 fertiggestellte Rammerthalle in Weilheim, für die der Gemeinderat 3,5 Millionen Mark locker machen musste. „Ohne Anbindung an Tübingen“, so sagt Ortsvorsteher Roland Glaser, „hätte Weilheim die Substanz für den Ausbau der Infrastruktur gefehlt.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.10.2008, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball