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Ob die Jäger wohl am Feuer saßen?

Tübinger Urgeschichtler forschen in Niedersachsen

Mitten im niedersächsischen Braunkohletagebau sind Archäologen mit feinem Werkzeug zugange: Was der Schaufelradbagger übrig ließ, liefert Tübinger Urgeschichtlern wertvolle Hinweise über die Lebenswelt der Altsteinzeit.

17.09.2012
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Frühere Darstellungen von Neandertalern und Urmenschen zeigen Kreaturen mit tumben Gesichtszügen. Schlichte Wesen, mehr Tier als Mensch, denen man keine Gefühlsregung zutraut, erst recht nicht die Fähigkeit, miteinander zu reden oder gar gemeinsame Strategien zur Jagd auszuhecken. Seit geraumer Zeit jedoch arbeiten Urgeschichtler an der Revision dieses Bildes. Immer häufiger zeugen Funde von erstaunlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten des Urmenschen.

Urmensch mit Abstraktionsvermögen

Zu ihnen gehörten auch die so genannten „Schöninger Speere“: Bereits in den 90er Jahren fand man im Braunkohlegebiet im niedersächsischen Schöningen acht außergewöhnlich gut erhaltene, 300.000 Jahre alte Speere. Der Fund galt damals als Weltsensation. Zeigte er doch, dass bereits die Menschen der Altsteinzeit geschickte Jäger waren, die in der Lage waren, Waffen zu bauen, und denen damit ein gewisses Abstraktionsvermögen zugeschrieben werden konnte.

Seit vier Jahren hat der Tübinger Urgeschichtler Prof. Nicholas Conard die wissenschaftliche Projektleitung in Schöningen. Grabungsleiter ist der Archäologe Jordi Serangeli. Seit 2010 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Bestrebungen der Wissenschaftler, an der bedeutendsten altsteinzeitlichen Grabung in Deutschland mehr über den Lebensalltag der Menschen vor 300.000 Jahren zu erfahren. Material gibt es zur Genüge. Rund 20 000 Kubikmeter haben die Schaufelradbagger im Braunkohletagebau ausgespart. Wie Halbinseln ragen diese Landzungen nun in die Kraterlandschaft. „Ich habe hier einen wunderschönen Blick in auf den Tagebau“, scherzte Serangeli gestern am Telefon.

Durch den Tagebau wurde der Grundwasserspiegel deutlich abgesenkt. Frei wurden dabei Erdschichten mit altsteinzeitlichen Artefakten. Und weil diese Fundstücke bis vor etwa 30 Jahren permanent mit Wasser bedeckt und teilweise in Torfschichten lagen, haben sie die Jahrtausende in diesem sauerstoffarmen Milieu ausgezeichnet überdauert. Die Tübinger Achäozoologin Marie-Anne Julien gerät darüber geradezu ins Schwärmen: Hunderte von Knochen wurden bereits zur Analyse von Schöningen nach Tübingen gebracht und deren Zustand sei „paradiesisch“. Überreich sind die Spuren, die man daran findet: Biss- und Nagespuren, Spuren von Schabern und Steinmessern, Spuren von Krankheiten.

Als der Löwe in Europa heimisch war

Zu den außergewöhnlichen Funden gehört auch ein fast vollständig erhaltenes Skelett eines Auerochsen, das Julien derzeit untersucht. Wobei Urgeschichtler (die ansonsten gewöhnt sind, sich aus fünf Knochen ein ganzes Skelett zu vorzustellen) schon von „fast vollständig“ reden, wenn knapp die Hälfte der Knochen eines Tieres gefunden wurden.

Neben den Überresten zahlreicher Tierarten (Löwe, Elefant, Rhinozeros und wohl auch die Hyäne waren damals in Mitteleuropa heimisch) fand man auch messerartige Werkzeuge und Schaber, gezähnte und gebuchtete Geräte. „Kaum vorstellbar, dass so etwas ohne Sprache geschaffen werden konnte“, meint Jordi Serangeli.

Seit 2008 werden die Grabungen als Kooperation zwischen dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der Universität Tübingen fortgeführt. In der Auswertung der Funde arbeiten die Tübinger aber mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zusammen und nutzen die Analysemöglichkeiten zahlreicher Fächer.

Zu ihnen gehört auch die organische Petrologe: Der Tübinger Geologe Bertrand Ligouis untersucht mit dieser Methode Sedimentproben aus Schöningen und kann damit die Ablagerungsgeschichte rekonstruieren: Lag das Gelände zu jener Zeit trocken, also zum Beispiel am Seeufer, oder waren die Knochen eingebettet in Torf und damit in einem sauerstoffarmen Milieu? Und was geschah mit dem Holzstück, das man da vor sich liegen hat? Ist es ein verkohltes Stück Holz? Oder ist es über die Jahrtausende mumifiziert?

Das interessiert die Forscher auch deswegen, weil eine der brennendsten Fragen diejenige ist, ob sich der Urmensch in Schöningen des Feuers bedient hat. Zwar zeugen die gefundenen Tierknochen davon, dass der dortige Urmensch (vermutlich der homo heidelbergensis) Pferd, Rotwild und Auerochse fachgerecht zerlegt hat. Doch ob die Jäger sich anschließend an der Feuerstelle über ihr Pferdeschnitzel hermachten, ist nach wie vor ungelöst.

Eine Fundstelle mit Holzresten, die noch vor Jahren als Feuerstelle gewertet wurde, ist wohl doch keine – so die Ergebnisse der neueren petrologischen Untersuchung. Aber es gibt noch zahlreiche andere Holzfundstellen, die einer Analyse harren. Und etwa 20 000 Kubikmeter Gelände, das in den kommenden Jahren von den Wissenschaftlern gesichtet werden will.

Tübinger Urgeschichtler forschen in Niedersachsen
Fundstücke aus Schöningen: ein 300000 Jahre alter Käferflügel, 200fach vergrößert.

Tübinger Urgeschichtler forschen in Niedersachsen
…einer der exzellent erhaltenen so genannten „Schöninger Speere“…

Die Funde in Schöningen sind deshalb so gut erhalten, weil sie bis vor 30 Jahren – bis zum Beginn des Braunkohletagebaus – unter dem Grundwasserspiegel lagen. Man betreibe also „Unterwasserarchäologie ohne Wasser“. Unter Luftabschluss blieben Pflanzenreste, Tierknochen und Hölzer bestens konserviert. „Das Holz ist tatsächlich noch Holz“, sagt Grabungsleiter Jordi Serangeli. So wurden kleinste Knochen erhalten, aber auch Kleinsttiere wie Mäuse, Vögel, Reptilien und sogar Käfer. So ergebe sich ein äußerst umfassendes Bild der Pflanzen- und Tierwelt der Altsteinzeit.

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17.09.2012, 12:00 Uhr

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