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Erbschaft der Zeit

Tübinger Vertrag: Eine unerwartete Millionensumme soll helfen

Boris Palmer sieht in der geplanten Mega-Ausstellung zum Jubiläum des Tübinger Vertrags eine große Chance für Tübingen. Finanzieren will er sie zu einem Drittel über eine Erbschaft.

22.10.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Die Tübingerin Gudrun Schaal gründete im Jahr 1949 gemeinsam mit Jule Gastl jene Buchhandlung, die dann den Namen der Freundin und Geschäftspartnerin trug. In der Buchhandlung Gastl am Holzmarkt gingen die großen Geister der Stadt ein und aus, und Mitinhaberin Schaal verhandelte hier in der „Theologie“ mit Stammgast Ernst Bloch die großen philosophischen und literarischen Themen der Welt – sie mit der Mentholzigarette, er mit der üblichen Pfeife in der Hand.

Acht Jahre nach Jule Gastl starb auch Gudrun Schaal im April 2007. Die einst legendäre Buchhandlung Gastl gehörte da längst schon anderen und wohl auch an einen anderen Platz. Gudrun Schaals Erbe ging zuerst an ihre Mitbewohnerin und jetzt weiter an die Allgemeinheit. Es besteht unter anderem aus Immobilien in Stuttgart und Tübingen. Ein Großteil des Erlöses dürfte jetzt an die Stadt Tübingen fallen. Dazu müssen zwei Auflagen erfüllt werden. Erstens darf die Erbschaft nur für Kunst, Kultur oder soziale Zwecke aufgewendet werden. Zweitens muss das Land dieser Verwendung zustimmen.

Grundlage der wohltätigen Hinterlassenschaft ist ein Vergleich mit den derzeitigen Erben, die ein Fünftel des erzielten Gesamtbetrags bekommen. Für die Stadt bleibt immerhin die Summe von 1,5 Millionen Euro übrig. Oberbürgermeister Boris Palmer findet einen Teil des Geldes in der von ihm befürworteten Ausstellung zu „500 Jahren Tübinger Vertrag“ im kommenden Jahr gut angelegt. Deshalb schlägt die Verwaltung dem Gemeinderat in der Sitzung am kommenden Donnerstag vor, 350 000 Euro aus der Erbmasse für das Ausstellungsprojekt zu reservieren.

Wie bereits berichtet, wird die große Jubiläumsausstellung zu dem Top-Dokument der Stadtgeschichte in der Tübinger Kunsthalle für den Sommer 2014 angepeilt, sie dürfte brutto eine Million Euro kosten. Palmer will diesen Betrag finanzieren, ohne den laufenden Haushalt zu belasten: „Das ist nicht nur vertretbar, sondern sehr wünschenswert.“

Demnach würde die Stadt als Mitveranstalterin (die andere ist dann die Kunsthalle selbst) jene 350 000 Euro beisteuern. In Stuttgart hat inzwischen die Kulturamtsleiterin Daniela Rathe ausgekundschaftet, ob das Land sich angesichts dieses auch landeshistorisch äußerst bedeutsamen Schriftstücks in irgendeiner Weise beteiligt. Der unmittelbare Weg dazu ist versperrt, weil lediglich Ausstellungen von Landeseinrichtungen direkt gefördert werden.

Palmer hat sich übrigens da bewusst herausgehalten, „damit es nicht heißt, da wird dem grünen OB was zugeschanzt.“ Die frohe Kunde kommt trotzdem: „Das Land unterstützt den Tübinger Antrag bei der Landesstiftung“, heißt es jetzt, weswegen die Stadtverwaltung sich weitere 200 000 Euro ausrechnet.

Zusammen mit dem Anteil aus dem Kunsthallen-Etat und den Eintrittsgeldern, glaubt Palmer, lässt sich das Projekt dann stemmen. Auch Götz Adriani, so wirbt Palmer, ist „überzeugt davon, dass der Tübinger Vertrag das wert ist.“ Der Kunsthallen-Obere stellt sogar eine Abschrift der altenglischen Magna Charta in Aussicht, die er über gute Kontakte organisieren möchte. So scheint, dass einige der Beteiligten bereits Feuer gefangen haben. Günstig ist auch, dass die Kunsthalle im kommenden Jahr länger saniert wird und in der Zeit keine Ausgaben für Kunstausstellungen anfallen.

Palmer, wie seine Kulturamtsleiterin ebenfalls studierter Historiker, verteidigt außerdem ausdrücklich das Vorhaben: „Es geht um einen zentralen Moment der württembergischen Geschichte, das von Uhland so genannte ,gute, alte Recht‘“. Auch „die Verknüpfung mit der Freiheit trägt“, so der Rathauschef – „es ist doch normal, dass Mittelschichten erstmal für sich was erkämpfen!“

Besonders die Interpretation des Linke-Stadtrats Anton Brenner missfällt ihm: „Es ist historisch unzulässig, den Tübinger Vertrag als Instrument der Unterdrückung umzudeuten.“ Es gehe auch um Rechte für alle, „freien Zug“, Prozessrechte. Man dürfe die Niederschlagung des Bauernaufstands im Remstal „nicht mit heutigen Begriffen bewerten.“

Die Ausstellung soll dem Tübinger Vertrag, so Palmers Absicht, „die Bedeutung geben, die er hat.“ Und er wundert sich: „Woanders dehnen und strecken sich die Städte. Wir haben was Großartiges, aber sehen die Chancen nicht.“ Auch im Remstal wird das historische Datum, wenn auch mit dem Akzent auf den Aufstand, gebührend mit einer „interkommunalen Ausstellung“ gefeiert. Dorthin fließen bereits 200 000 Euro von der Landesstiftung. In Tübingen soll unter anderem ein „Runder Tisch Tübinger Vertrag“ installiert werden, um Ideen und womöglich eigene Projekte zu sammeln. Außerdem werde gerade mit Sponsoren verhandelt, die „sensibel auf öffentliche Debatten reagieren“, wie die Verwaltung warnt.

Um dem noch zweifelnden Gemeinderat die Entscheidungsfindung zu erleichtern, wurde die Übersetzung des Urtextes ins Neuhochdeutsche angeregt.

Tübinger Vertrag: Eine unerwartete Millionensumme soll helfen
Gudrun Schaal im Jahr 1999, dem Sterbejahr von Julie Gastl, bei der Veranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der Buchhandlung. Archivbild: Metz

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22.10.2012, 12:00 Uhr

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