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Ohne Open Air kein Flair

Tübinger Wirte: Strenge Sperrzeiten zerstören die Kneipenkultur

Eine Gruppe Tübinger Gastronomen verwandelte den Holzmarkt Samstagnacht für drei Stunden in eine Freiluft-Kneipe und lockte tausend Gäste an. Ihr Ziel: ein verträglicher Konsens über längere Öffnungszeiten.

09.07.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Aus Protest schloss eine Reihe Tübinger Wirte ihre Kneipen am Samstagabend bereits um 22 Uhr und lud stattdessen auf den Holzmarkt: Sie wehren sich gegen immer neue Nachtruhe-Auflagen. Um einen Freibrief für Remmidemmi geht es den Gastronomen nicht. Lila Flüstertüten aus Papier signalisierten das Motto der Ak tion: „In der Ruhe liegt die Kraft.“

„Wir wollen den Leuten zeigen, dass es ohne Kneipen ein bisschen öde ist in der Stadt“, sagte Pfauenwirt Patric Grygiel. Nicht die Außenbewirtschaftung sei das Problem, sondern lärmende Ruhestörer, sagte der Gastronom aus der Kornhausgasse. Aber: „Wir Wirte versuchen das zu regeln“, versicherte Grygiel auf dem Holzmarkt. „Wir schauen, dass es kultiviert zugeht, und wir räumen ja auch auf.“ Andererseits: „Es geht bei diesem Wetter keiner um 22 Uhr rein.“

Zehn Uhr abends ist jedoch der Zeitpunkt, an dem die gesetzliche Nachtruhe beginnt, von der eventuell auch Nachbarn von Ausgeh-Meilen etwas haben möchten. „Wo es eine Kneipe gibt, und wo Anwohner sind, entsteht überall dieselbe Problematik“, weiß der Pfauenwirt.

Etliche der Gastronomen, die sich zum Holzmarkt-Protest zusammengeschlossen haben, müssten derzeit ihre Außenterrassen um 22 Uhr dicht machen, bedauerte Asli Kücük von der Bar „Laden“ am Sternplatz. Andere haben sich die Sperrzeit 23 Uhr erkämpft, seien aber „schon wieder“ mit Androhungen des Ordnungsamts konfrontiert. So etwas schade dem „weltoffenen Flair“ Tübingens, findet Kücük. Mit allzu vielen Verboten verliere die Stadt „an Urbanität und Lebensqualität“.

Generationenkonflikt stört beim Feiern

In manchem Bedürfnis nach nächtlicher Ruhe sieht Kücük auch den Ausdruck eines Generationenkonflikts: „Früher durfte man Fasnet machen und Stammtisch halten – ohne Sperrfrist.“ Doch ohne die Studenten, die jüngeren Berufstätigen und Familien laufe in Tübingen nichts, betonte sie. Sie brächten Kaufkraft in die Stadt und seien Anwärter auf die Wohnungen im Mühlen- und im Egeria-Viertel. „Wir wollen auch nach unserem Geschmack feiern und nicht ständig reglementiert werden.“

Ein Beispiel: Wenn ein Arzt nach einer Zwölfstundenschicht in der Klinik an einem schönen Sommerabend vor ihrer Bar sein Bier trinke – solle sie dem sagen, er solle bitteschön nach drinnen gehen?, fragte Kücük. Es seien nicht die Gäste der Protest-Wirte, „die nachts lärmend durch die Haaggasse ziehen“.

Einerseits wolle Tübingen die Aufwertung durch 25.000 Studierende und nehme die dadurch zu erzielenden exorbitanten Mietpreise gerne mit. Auf der anderen Seite sollten die jungen Leute möglichst um 22 Uhr im Bett liegen? Für Kücük ist das eine unfaire Frage. „Lautlos geht nicht“, findet sie.

„Wir wollen, dass unsere Gäste im Sommer um 23.30 Uhr gemütlich draußen ein Weinschorle trinken können. Derzeit müssen sie um 23 Uhr hereinkommen“, bedauerte Belinda Gellert, stellvertretende Geschäftsführerin der Liquid Bar in der Schmiedtorstraße: „Unsere Gäste schreien nicht herum“, betonte auch sie.

Collegiums-Wirt Theo Kalaitzides hat eigentlich eine Genehmigung, Freitag- und Samstagnacht bis fünf Uhr früh zu öffnen. „Darauf baue ich mein Geschäft auf und werbe auch entsprechend“, sagte er auf dem Holzmarkt, während im Sekundentakt leere Bierflaschen in einen der von den Wirten bereitgestellten Container wanderten. Wie er gleichzeitig eine absolute Nachtruhe einhalten soll, versteht Kalaitzides nicht.

Die Aktion war ohne Musik und ohne Getränke angekündigt. Ein kurz nach 22 Uhr auf eigene Faust eingetroffener Feuerkünstler hielt seinen elektronischen Schlangenbeschwörersound sehr gemäßigt. Irgendwo muss es auch einen Flaschenbiervorrat gegeben haben. „Wir haben den Holzmarkt besenrein zurückgegeben“, sagte Kücük am gestrigen Sonntagnachmittag auf telefonische Nachfrage. Etwa tausend Gäste seien gekommen.

Tübinger Wirte: Strenge Sperrzeiten zerstören die Kneipenkultur
Ausgehfreudiges Tübingen: Die Sperrstunde im Freien soll sich den Bedürfnissen anpassen, fordern die Gastronomen der „Kneipeneinheit“.Archivbild:Metz

Die Gastronomen etlicher Kneipen und Bars haben sich zur Kneipeneinheit Tübingen (www.kneipeneinheit.de) zusammengeschlossen. Unter anderem sind Pfauen, Collegium, Butterbrezel, Tangente Night, Liquid Bar und „Laden“ dabei. Gäste und Anwohner müssten verstehen, dass in einer lebendigen Stadt mit 25 000 Studierenden die Leute auch ausgehen wollen – wie in anderen Städten auch, sagte Robert Frunder von der Tangente Night. Die beteiligten Wirte wollen nun einen verträglichen Konsens mit Anwohnern und Ordnungsamt erreichen. Auch Gäste müssten Verantwortung übernehmen und geräuschvolle Großfeste von sich aus in die Kneipen verlegen. Es sei völlig verständlich, dass Menschen, die am nächsten Morgen arbeiten müssen, keine unbegrenzte Lautstärke ertragen.

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09.07.2012, 12:00 Uhr

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