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Warum Schwarz auch Gold ist

Tübinger Wissenschaftlerin erforschte das Internet-Phänomen „The Dress“

Ist es schwarzblau? Oder ist es weißgold? „The dress“ („das Kleid“) sorgte vor kurzem im Internet für Aufregung. Die Tübinger Neurobiologin Annette Werner hat das Phänomen erforscht.

12.08.2015
  • ulrich janssen

Tübingen. Als die schottische Musikerin Caitlin McNeill am 26. Februar das mittlerweile berühmte Bild von „the dress“ ins Netz stellte, ahnte sie nicht, welchen Hype sie auslösen würde. Sie wollte eigentlich nur wissen, ob andere Leute das schwarzblaue Kleid auch weißgold sahen, wie es einige ihrer Freunde taten. Doch kaum eine Woche später wunderten sich schon Millionen im Netz darüber, warum ungefähr die Hälfte der Betrachter aus einem schwarzblauen Kleid ein weißgoldenes machen.

Eine derjenigen, die damals mit großer Leidenschaft über „das Kleid“ diskutierten, war die Tübinger Neurobiologin Annette Werner. Die Forscherin diskutierte in ihrem Wissenschaftler-Netzwerk nächtelang mit Kollegen aus der ganzen Welt über „the dress“. „Dass man bei ein und demselben Bild so völlig anderer Meinung sein kann, hatten wir alle noch nicht erlebt.“ Theorien wurden geboren und wieder verworfen. „Und am Ende hatten wir alle Ringe unter den Augen“, sagt Werner, die für ihre Forschung sogar zwei Original-Exemplare des Kleides erwarb.

Forscher mit Ringen unter den Augen

Werner leitet das „Visual Psychophysics & Colour Lab“ an der Tübinger Augenklinik. Die promovierte Zoologin interessiert sich seit langem dafür, wie physikalische Lichtreize, also Lichtwellen, im Kopf des Betrachters in eine Vielfalt an Farben umgewandelt werden.

Entgegen dem Anschein sind Farben nämlich keineswegs Eigenschaften, die auf Dingen draufkleben wie eine Tapete. Ganz im Gegenteil: Die Farben, an denen wir uns jeden Tag erfreuen, machen wir uns selbst. Sie entstehen im Hirn des Betrachters, im visuellen System der Großhirnrinde.

Steht „the dress“ im Schatten?

Das Auge ist nur die erste Station im komplizierten Sehprozess. Es empfängt die reflektierten Lichtstrahlen, sortiert sie vor, und schickt sie als elektrische Signale zur Weiterverarbeitung in die Sehrinde. Erst dort wird aus der Flut von visuellen Informationen die Art von Welt, die wir kennen und mögen. Eine Welt, in der vertraute Dinge herumstehen. Dinge mit Oberflächen und Volumen, Dinge, die mal von der Sonne beleuchtet werden und mal nicht.

Bei der Konstruktion dieser Welt geht das Gehirn durchaus rabiat zu Werke. Es präsentiert uns die Dinge nicht so, wie sie „wirklich“ sind, sondern so, wie wir sie brauchen. Schließlich sollen wir den Weg, die Nahrung, den Liebespartner möglichst schnell finden. Dabei setzt das Hirn viele Tricks ein.

Eine rote Erdbeere beispielsweise fällt vor einem grünen Hintergrund mehr auf als vor einem orangenen, so erkennen wir sie schneller. Und eine nahrhafte Banane, sagt Werner, erscheint uns besonders gelb, weil sie in unserer Erinnerung so gespeichert ist. Das Gehirn weiß nämlich, wie eine Banane oder Erdbeere typischerweise aussehen, und greift beim Sehen auf diese Erfahrung zurück. „Es nutzt das Wissen, das wir zuvor bei der Wahrnehmung schon erworben haben“.

So können wir am Obststand ein rotes Gebilde selbst dann als Erdbeere identifizieren, wenn es schrumpelig oder verschattet ist, weil wir es aus früherer Erfahrung kennen. Erfahrungswerte helfen uns auch dabei, Gegenstände anhand ihrer Farbe wiederzuerkennen, selbst wenn sich die Beleuchtung und damit die Farbe des reflektierten Lichtes geändert hat. Werner: „Die Erregung der Farbrezeptoren im Auge ändert sich, trotzdem erkennen wird die Erdbeere als rot.“

Unsere Farbwahrnehmung ist also sehr abhängig von unserer Erfahrung. Um uns eine möglichst verlässliche Welt bieten zu können, nutzt das Gehirn früher gemachte Erfahrungen, vergleicht Dinge mit ihrer Umgebung, verstärkt Kontraste und mildert auch die Wirkung von Sonne und Schatten.

Das genau ist einer der Gründe, glaubt Werner, warum manche ein schwarzblaues Kleid als weißgoldenes Kleid sehen. Es hat mit Sonne und Schatten zu tun. Die Schwarzblau-Gucker glauben, dass „the dress“ von der Sonne beschienen wird, sie verstärken unbewusst den Blauanteil. Diejenigen aber, die es goldweiß sehen, „nehmen an, dass es im Schatten liegt.“ Aufgrund von Erfahrungswerten rechnen die Weißgold-Gucker die Wirkung des Schattens heraus, indem sie im Kopf den Blau-Anteil reduzieren und den Gelb-Anteil verstärken. Um das korrekt hinzukriegen, braucht das Gehirn allerdings Farben in der Umgebung, auf die es sich bei diesem Farbausgleich beziehen kann.

Die aber fehlen in diesem Fall. Die Umgebung, in der das Kleid aufgenommen wird, ist diffus, „eine sehr künstliche Situation“. Die Szene kann im Sonnenlicht spielen oder im Schatten, obwohl sie in einer Boutique mit Zusatzblitz aufgenommen wurde. Diese uneindeutige Umgebung ist nach Werners Einschätzung ein wichtiger Grund für die ungewöhnlich drastisch auseinander fallende Farbwahrnehmung. Aber ist es auch der entscheidende? „So ganz verstanden haben wir das Phänomen immer noch nicht“, gibt Werner zu.

Das Hirn macht einen Riesenfehler

So ist immer noch offen, ob es eine Frage der Stimmung, eine Frage des Alters oder eine des Geschlechts ist, warum manche Menschen unbewusst von Sonnenschein ausgehen und andere von Schatten. Immerhin hat die Wissenschaftlerin bei der Analyse von „Dressgate“, wie das Phänomen im Netz auch genannt wird, eines gelernt: „Der kognitive Anteil bei der Farbwahrnehmung ist noch größer als wir dachten.“

Sicher ist auch, dass der mittlerweile weltberühmte Farbkonflikt mit dem Bestreben des Hirns zu tun hat, ein optimal auf unsere Bedürfnisse und Fähigkeiten abgestimmtes Bild von der Welt zu liefern. Ein Bestreben, das in diesem Fall allerdings völlig schief geht: Bei knapp der Hälfte der Betrachter macht das Hirn einfach einen Riesenfehler.

Tübinger Wissenschaftlerin erforschte das Internet-Phänomen „The Dress“
Annette Werner (links im eigenen „Kleid“) und Alisa Schmidt präsentieren „das Kleid“: Für die Gold-Verschiebung ist hier die Beleuchtung verantwortlich.Bild: Metz

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12.08.2015, 12:00 Uhr

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