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Der Mensch im Konflikt mit dem Elefanten

Tübinger Zoologen besuchten in Tansania auch die Partnerstadt Moshi

Auf den Spuren von Bernhard Grzimek durch afrikanische Nationalparks streifen: Dieser Traum ging für Tübinger Zoologen in Erfüllung. Die bisher einmalige Exkursion könnte in Kooperation münden: Wenn Tübingen seine geplante Partnerschaft mit der tansanischen Stadt Moshi ausbaut.

03.02.2010
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. „Nirgendwo sonst findet man eine solche Konzentration von Großwild wie in der Serengeti“, sagt der Tierphysiologe Prof. Ewald Müller. Und kaum irgendwo kann man die Konflikte besser studieren, die durch die Einrichtung von Naturparks entstehen, als in Tansania. Das Forschungsgebiet der Abteilung Physiologische Ökologie der Tiere, die Müller bis zu seiner Emeritierung leitete, sind Reaktionen der Tiere auf Stressfaktoren aus der Umwelt.

Tiere in ihren natürlichen Ökosystemen zu erleben, das war der eine Zweck der dreiwöchigen Afrika-Exkursion, die im Frühjahr 2009 stattfand. Ihr Verhalten bei Störungen zu beobachten und Regulationsmechanismen kennen zu lernen, der andere. Die künftige Tübinger Partnerstadt Moshi war die erste Anlaufstelle für die kleine Gruppe mit elf studentischen Teilnehmern verschiedenster Semesterstufen. Dort besuchten sie nicht nur eine dermatologische Klinik, die bereits mit der Tübinger Hautklinik kooperiert. Sie beeindruckte die Gäste unter anderem durch die Gewinnung von Medikamenten aus einheimischen Pflanzen wie Aloe Vera und die Anwendung traditioneller Heilmethoden. So werden sterile Fliegenlarven zur Wund-Desinfektion verwendet, ein bei den Massai überliefertes Verfahren. Nahe Moshi, am Hang des Kilimandscharo, befindet sich auch das Mweka College für „Wildlife Management“, eine von zwei afrikanischen Ausbildungsstätten für das Führungspersonal von Naturparks.

In Vorlesungen und bei einem Ausflug ins ländliche Hinterland erfuhren die deutschen Besucher, dass die streng geschützten Elefanten, die in deutschen Zoos so gemütlich wirken, bei afrikanischen Kleinbauern gar nicht beliebt sind. Der Grund: Die Großtiere fallen des Nachts auf der Suche nach Nahrung und Wasser gruppenweise in die Anbaugebiete ein und trampeln alles nieder. Die Tübinger sahen zerstörte Erdnuss-, Maniok-, Sonnenblumenfelder und eine Bananenplantage: Die Elefanten waren auf die knackigen Wurzeln scharf.

Abwehr mit Paraffin und Chilipulver

Für Philipp Unterweger, Lehramtsstudent im fünften Semester, waren die Gespräche mit den Kleinbauern in der Umgebung von Moshi ein Höhepunkt der Exkursion. Viele Tansanier sprachen etwas Englisch, aber einige Studenten hatten auch einen Suahili-Kurs gemacht („Das ist wirklich sinnvoll“). Deutlich wurde, dass die Bauern Leidtragende eines gleichwohl von Menschen verursachten Konflikts sind: Das Bevölkerungswachstum und die Vergrößerung von Anbauflächen (zum Teil für Monokulturen) schränken den Lebensraum der Elefanten ein, obwohl deren Zahl in der Region nur noch einen Bruchteil der früheren Population ausmacht, erklärt Müller.

Hinzu kommt, dass die Elefanten auch benutzt werden, um zwischenstaatliche Animositäten auszutragen: Sie werden von kenianischer Seite grenznah in einen Korridor getrieben, von wo sie dann quasi zwansläufig in Tansania eindringen. Von wegen schwerfällig: 30 bis 40 Kilometer können Elefanten in einer Nacht zurücklegen.

Die Abwehrtechniken der Bauern sind bescheiden: Man versucht die Elefanten, die durchaus auch Menschen gefährden, mit Scheinwerfern zu stören. Mit Erstaunen sahen die deutschen Besucher, dass dünne Seile, mit Paraffin getränkt und mit Chili-Pulver bestreut, um die Felder gespannt werden, um die Tiere fernzuhalten. Den Geruch mögen sie nicht. Elektrozäune sind bei den Bauern kaum vermittelbar: Sie haben selbst keinen Strom.

Nach diesem Einstieg waren die Artenvielfalt und die landschaftliche Schönheit von insgesamt fünf Natur- und Nationalparks zwar immer noch überwältigend, aber der Blick war auch geschärft für die Risse im perfekten Bild: „Die Nationalparks sind eine heile Welt“, sagt Unterweger. „Außerhalb sieht man kein wildes Tier, und es wächst auch nicht viel.“ Doch das Naherlebnis unzähliger Großtiere und Vögel in freier Natur in den Nationalparks von Arusha und Tarangire, der Serengeti-Savanne und im grünen Ngorongoro-Krater, einem Weltnaturerbe, am Manyara- und am Natron-See stärkte die Motivation der Biologen und ihr Artenwissen. „Das Afrikafieber kann einen leicht erwischen“, gesteht Unterweger.

Tourismus und die Klospülung

Lange Listen der gesichteten Tiere finden sich im Exkursionsbericht: Treiberameisen und Weinblatt-Giraffen, Steppenzebras, Kaffernbüffel, Warzenschweine und Paviane, Schwarzhalsreiher, Flusspferde, Meerkatzen und Flamingos, Krokodile, Gazellen, Savannenadler, Marabus und der afrikanische Strauß, unter vielen anderen – und einmal eine Löwin, die an einem Gnu-Gerippe nagte.

Manchmal fanden sich die Reisenden auch von Menschen in bunten Tüchern umringt, neugierigen Massai, die mit ihren Rinderherden unterwegs waren. Auch hier bemerkten sie, dass schöne Fotos oft eine falsche Idylle vortäuschen: „Die Hälfte der Massai-Kinder sind krank“, erfuhr Nele Beckstette, Bio- und Theologiestudentin im fünften Semester, „und es fehlt medizinische Hilfe.“

Die Afrika-Exkursion war mit Kosten von 2 800 Euro pro Teilnehmer vergleichsweise teuer; von der Fakultät und dem Uni-Bund gab es 600 Euro Pro-Kopf-Zuschuss. Die Kosten entstanden unter anderem, weil wegen der schwierigen Verkehrsverbindungen und der für Touren in der Wildnis notwendigen Fahrzeuge ein professioneller Veranstalter aus der Reutlinger Umgebung mit der Organisation beauftragt wurde. „Diese Logistik ist dort aber unverzichtbar“, sagte Müller. Die Reisebedingungen waren trotzdem sehr einfach: Die Teilnehmer schliefen meistens in Zelt-Unterkünften; Wasser gab es nicht immer, in der Serengeti einmal drei oder vier Tage lang nicht. Dafür wurden die Studenten für die Widersprüche sensibilisiert, die der Safari-Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle Tansanias, mit sich bringt: „In den Lodges lassen Touristen gedankenlos die Klospülung laufen, während die Kinder im Dorf das Wasser in Eimern auf dem Kopf holen“, beobachtete Beckstette.

Eine Wiederholung der Exkursion steht vorerst nicht auf dem Lehrplan. Aber wenn die Partnerschaft zwischen Tübingen und Moshi erst in Gang kommt, meint Iris Weiche, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte bei den Zoologen, „könnte man das ausbauen“. Und: „Da könnte etwas Gutes heranwachsen.“

Die besten Uni-Exkursionen (3)

Studium findet nicht nur im Hörsaal statt. Die fruchtbarsten Lehrveranstaltungen sind oft Exkursionen. Die Konfrontation von Theorie und Praxis, das soziale Erlebnis, die Nähe von Lehrenden und Lernenden macht sie zu den unvergesslichen Momenten des Studiums. „Audimax“ stellt in lockerer Folge besonders interessante und ungewöhnliche Exkursionen aus verschiedenen Fächern an der Tübinger Uni vor.

Tübinger Zoologen besuchten in Tansania auch die Partnerstadt Moshi
Einträchtig an der Wasserstelle im Arusha-Nationalpark: Hinten Zebraherde, vorne Flusspferde und eine Kolonie weißer Ibisse. Privatbild

Tübinger Zoologen besuchten in Tansania auch die Partnerstadt Moshi
Niemand würde bei dieser rührenden Mutter-Kind-Szene vermuten, dass Elefanten für die Kleinbauern manchmal zum Problem werden können. Privatbild

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03.02.2010, 12:00 Uhr

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