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Brutale Prügel in Pölchow

Tübinger ist Nebenkläger im Prozess gegen NPD-Mitarbeiter

Weil sie brutal linke Gegendemonstranten verprügelt haben sollen, stehen derzeit drei Männer vor dem Rostocker Landgericht, darunter ein Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion von Mecklenburg-Vorpommern. Unter den Opfern war auch ein Tübinger.

07.02.2010
  • Jonas Bleeser

Rostock / Tübingen. Der Tübinger Alex Sofo (Name geändert) besuchte im Juni 2007 das alternative Festival „Fusion“ an der Müritz. Dort erfuhr er, dass in Rostock Neonazis einen Aufmarsch „Gegen linke Gewalt“ planten. Dagegen wollte er demonstrieren: Gemeinsam mit etwa 50 anderen Festival-Besuchern machte er sich auf den Weg.

Mit Bussen fuhren sie gemeinsam bis ins Dörfchen Schwaan. Dort stiegen sie in einen Zug nach Rostock. Was keiner ahnte: In dem Zug reisten auch etwa 150 Rechte, unter ihnen der NPD-Landtagsabgeordnete Udo Pastörs. Einige aus der Gruppe der Gegendemonstranten entdeckten im Waggon mehrere Angehörige der rechten Szene. Am Bahnhof Pölchow hätten sie diese aus dem Wagen gedrängt. Daraufhin griffen laut Anklage etwa 50 Neonazis den Wagen an, in dem neben den linken Gegendemonstranten auch unbeteiligte Reisende saßen. Steine flogen durch die Fenster, die Rechten bewaffneten sich mit Zaunlatten.

Prügel-Spalier auf dem Bahnsteig

„Die riefen ‘Jetzt seid ihr alle dran‘ und ‘Wir reißen euch die Piercings raus‘“, erinnert sich der Tübinger. Er zog sich von der Tür auf die Treppe zum oberen Waggon-Stockwerk zurück. Die Angreifer zerrten ihn herunter und prügelten auf ihn ein. Zwei Schläger zogen ihn aus der Abteil-Tür. Auf dem Bahnsteig seien die Rechten Spalier gestanden. Dann soll der Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion, Michael Grewe, laut einem Zeugen Sofo brutal niedergeschlagen haben. Der ging zu Boden, mehrere Schläger traten auf ihn ein. „Ich dachte, die schlagen ihn tot“, sagte ein Mitreisender vor Gericht.

Als ein Kind im Zug panisch schrie und die Angreifer kurz abgelenkt waren, riss der Mitreisende Sofo hoch und zog ihn, unter weiteren Schlägen und Tritten, durch die Menge bis zu einer Böschung am Bahndamm. Dort stürzten beide über einen Zaun und retteten sich in eine Schrebergartenkolonie, wo sie von den Kleingärtnern notdürftig versorgt wurden. Auf einer Wiese sammelten sich die vom Bahnhof geflohenen Zuginsassen, bis die Polizei kam – die sie als erstes erkennungsdienstlich behandelte. Dann machten sich die Verletzten ins Krankenhaus nach Rostock auf. Sofo war grün und blau geschlagen, hatte eine Gehirnerschütterung und Probleme mit den Kniescheiben. Zum Überfall sagt er rückblickend: „Man hatte den Eindruck, dass die das nicht zum ersten Mal machen.“

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 42-jährigen Grewe, der seit Jahren für den NPD-Ordnungsdienst arbeitet, und zwei jüngeren Mitangeklagten schweren Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung vor. Grewe schilderte den Ablauf in einer Stellungnahme auf der NPD-Homepage gänzlich anders: Er habe nie zugeschlagen und lediglich bedrohten Gesinnungsgenossen „Nothilfe“ geleistet.

Sofo ist einer von vier Nebenklägern in dem überregional beachteten Verfahren am Rostocker Landgericht. Vertreten wird er von dem Tübinger Anwalt Axel Oswald. Der äußerte Kritik an den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft: „Zuerst haben sie den Zeugen untaugliche Lichtbilder vorgelegt, später wurde das Ermittlungsverfahren zeitweise zurückgestellt.“ Auch hätten die Ermittler Hinweise darauf, dass einer der Angreifer die Prügelei gefilmt habe, nicht konsequent verfolgt. „Wir stellen einen Antrag auf Nachermittlungen.“ Mit Erfolg – am Donnerstag gab das Gericht bekannt, dass am nächsten Sitzungstag, dem 16. Februar, Video-Material gezeigt werden könne. Oswald hält die Anklagevertreterin für befangen: Sie wirke „völlig desinteressiert“.

Drohungen vor dem Gerichtssaal

Zum Prozess kam es erst jetzt, weil die Jugendkammer des Rostocker Landgerichts die Klage zunächst abgewiesen hatte. Erst nachdem Nebenklage und Staatsanwaltschaft Beschwerde einlegten, wurde die Hauptverhandlung auf Weisung des Oberlandesgerichts eröffnet.

Der Prozess läuft unter strengen Sicherheitsmaßnahmen: Am Eingang zum Saal werden die Besucher kontrolliert, im Gebäude sind viele Polizisten anwesend. Als Sofo nach seiner Aussage im Vorraum stand, drohten ihm rechte Prozessbesucher: „Man sieht sich immer zweimal.“ In der rechten Szene wird der Angriff verherrlicht: Es kursieren T-Shirts mit der Aufschrift: „Endstation Pölchow“.

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07.02.2010, 12:00 Uhr

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