Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Herr Claude rettet die Bilanz

Tübinger und Rottenburger Kinos trotzen dem Negativtrend

Knapp vier Prozent weniger Zuschauer, der schwächste Besuch seit 1992. Auch wenn die Zahlen noch vorläufig sind: Für die deutsche Kinobranche war 2014 ein Katastrophenjahr. In Tübingen kam es nicht ganz so schlimm: Die Vereinigten Lichtspiele (Blaue Brücke, Museum) schrieben nach eigenen Angaben eine „rote Null“. In Arsenal und Atelier ging es sogar leicht aufwärts.

09.01.2015
  • Klaus-Peter Eichele

Tübinger und Rottenburger Kinos trotzen dem Negativtrend
Den Beifall hat er sich redlich verdient: Edelrassist „Monsieur Claude“ (links im Bild mit seiner Ehefrau Marie) lockte 2014 in Tübingen mehr Zuschauer (18481) vor die Leinwände ...

Dass die Zuschauerzahlen in Tübingen stabil geblieben sind, ist im Wesentlichen einem älteren Herrn (und seinen Töchtern) zu verdanken: „Monsieur Claude“ liegt mit großem Abstand an der Spitze der hiesigen Jahrescharts. Im Juli gestartet, läuft die französische Salonrassisten-Komödie seitdem ununterbrochen im Kino Museum, wo sie, obwohl längst auf DVD verfügbar, noch immer ein paar hundert Zuschauer pro Woche anlockt. Insgesamt waren es bis Silvester 18 500 Besucher, die sich, wie Martin Reichart von den Vereinigten Lichtspielen beobachtet hat, gleichmäßig auf alle Altersklassen von Schülern bis Rentnern verteilen – ein inzwischen ganz seltenes Vorkommnis im Kino.

„Die Leute kommen mit einem Lächeln aus dem Film – und erzählen das weiter“, versucht Reichart den Run zu erklären, der die Riege der Überraschungshits aus Frankreich („Willkommen bei den Sch’tis“, „Ziemlich beste Freunde“, „Paulette“) um ein weiteres Exemplar bereichert. Ein reines Tübingen-Phänomen ist der Erfolg aber nicht: Auch deutschlandweit avancierte „Monsieur Claude“ mit 3,8 Millionen Besuchern zum Überflieger, der erst im Dezember von zwei amerikanischen Produktionen vom Spitzenplatz der Charts verdrängt wurde.

Tübinger und Rottenburger Kinos trotzen dem Negativtrend
... als der Zweitplatzierte („Wir sind die Neuen“, 7262 Besucher) ...

Diese beiden Filme, die jeweils dritten Teile der Hobbit- und Panem-Reihe, waren aber auch die beiden einzigen aus Hollywood, die sich 2014 die Bezeichnung Blockbuster verdient haben. In den elf Monaten davor produzierte die frühere Traumfabrik dagegen vor allem Flops, speziell im Actionsektor: Vermeintliche Kassenknüller wie „Hercules“, „Godzilla“ oder „Amazing Spider Man“ blieben zumindest in Deutschland weit hinter den Erwartungen zurück, auch bei den Trickfilmen ging nicht viel. Die aktuelle Kinokrise ist demnach vor allem eine Hollywood-Krise. Verschärfend hinzu kam im Vorjahr die Fußball-WM, während der man, so Reichart, „die Kinos auch hätte dicht machen können.“

Im Arsenal macht das Kleinvieh den Mist

Tübinger und Rottenburger Kinos trotzen dem Negativtrend
.. und der drittplatzierte Film (das Finale der Hobbit-Trilogie, 7116 Zuschauer) zusammen.

Teilweise kompensiert wurden die Ausfälle von einer Handvoll überraschend kassenstarker Arthaus-Filme. Das schlägt sich besonders in Tübingen nieder, wo das Hightech-freie Erzählkino fürs reifere Publikum seit jeher besonders beliebt ist. So steht auf Platz zwei der Lokalcharts mit 7300 Zuschauern die Unistadt-affine WG-Komödie „Wir sind die Neuen“, die deutschlandweit nur Rang 42 belegt. Auch die Qualitätsfilme „Grand Budapest Hotel“, „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und „12 Years a Slave“ sind gegenüber den Nationalcharts, wo sie Plätze zwischen 30 und 50 einnehmen, weit nach vorn in die hiesigen Top Ten geprescht. Dagegen finden sich dort nur drei Hollywood-Produktionen – neben „Hobbit“ (Platz 3 mit 7100 Zuschauern) und „Die Tribute von Panem“ (Platz 5 mit 6300) das Science-fiction-Epos „Interstellar“ auf Platz 10.

Von der wachsenden Lust des Publikums auf gediegene Filme haben auch die Tübinger Kleinkinos Arsenal und Atelier profitiert. Nach Angaben von Programmmacher Dieter Betz kamen 2014 gegenüber dem Jahr davor 6,5 Prozent mehr Zuschauer, insgesamt 46 000. Große Hits gab es zwar nicht – die krallt sich wie gehabt die Konkurrenz der Vereinigten Lichtspiele; dafür aber viel langlebiges Kleinvieh wie die Dokumentarfilme „Das Salz der Erde“ oder „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“. Anders als früher stehen Arsenal und Atelier laut Betz wirtschaftlich auf soliden Beinen – zumal der Großteil des Umsatzes nicht mit dem Filmvorführen, sondern mit der Gastronomie gemacht wird. Besonders das Arsenal habe sich in den letzten Jahren wieder zu alten Szenekneipen-Höhen aufgeschwungen.

Auch das Rottenburger Kino im Waldhorn trotzte 2014 dem Deutschland-Trend und verzeichnete ein leichtes Plus von einem Prozent auf 36 360 Zuschauer. Betreiber Elmar Bux führt das unter anderem darauf zurück, dass das schwächelnde Hollywood-Kino im Waldhorn seit jeher nur eine Nebenrolle spielt. Auch die „starke lokale und regionale Vernetzung“ des Filmtheaters wirke sich positiv aus. Gemessen an den zwei Topfilmen, haben die Rottenburger den gleichen Geschmack wie die Tübinger: Auf „Monsieur Claude und seine Töchter“ (2922 Zuschauer) folgt „Wir sind die Neuen“ (1565). Platz drei in der Bischofsstadt belegt der Jugendfilm „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ (1072).

Tübinger Kinohits

1) Monsieur Claude und seine Töchter
2) Wir sind die Neuen
3) Der Hobbit 3
4) Der Medicus
5) Die Tribute von Panem: Mockingjay
6) Grand Budapest Hotel
7) Der Hundertjährige . . .
8) Fack ju Göhte
9) 12 Years a Slave
10) Interstellar
11) The Wolf of Wall Street
12) Vaterfreuden


Deutsche Kinohits

1) Der Hobbit 3
2) Die Tribute von Panem: Mockingjay
3) Monsieur Claude und seine Töchter
4) Der Medicus
5) Drachenzähmen leicht gemacht 2
6) Transformers: Ära des Untergangs
7) The Wolf Of Wall Street
8) Vaterfreuden
9) Guardians Of The Galaxy
10) Rio 2
11) Bad Neighbors
12) Lucy

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Die Kommentarfunktionalität wurde für diesen Artikel deaktiviert.