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Ruck-zuck ist das Springkraut raus

Tübingerin geht gegen Neophyten vor

Es hat meist rosa Blüten und breitet sich mit beeindruckender Geschwindigkeit an den Ufern von Steinlach und Neckar aus: Indisches Springkraut kann man in Tübingen immer öfter sehen – und manchmal auch riechen. Das stört manche so sehr, dass sie zu Rebschere und Arbeitshandschuh greifen, um die rosa Felder zu lichten.

23.08.2012
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Es stinkt“, antwortet Tanja Herbold auf die Frage, was sie denn eigentlich gegen Indisches Springkraut hat. Was die Tübinger Diplombiologin ebenso stört, ist die rasche Ausbreitung der rosablühenden Pflanze, die ihre Samen aus der reifen Kapsel bis zu sieben Meter weit schleudern kann. Jetzt, im Spätsommer, ist es wieder so weit: Ein Regentropfen kann ausreichen um die straff gespannte, glänzende Kapsel aufzusprengen. Die Samen verbreiten sich auch über die Gewässer, an deren Ufern das Springkraut häufig zu finden ist.

Und so zieht Tanja Herbold schon seit beinahe zwei Jahren immer wieder mit Arbeitshandschuhen und Rebschere los – und zieht die bis zu zweieinhalb Meter hohen Pflanzen aus der Uferböschung der Steinlach. Ihr „Revier“ ist ziemlich groß: Es reicht von der Fuß-/Radbrücke bei der Eugen straße bis zur Heinlenbrücke. Indisches Springkraut krallt sich nicht besonders fest in den Boden – ein kräftiger Ruck, und die Pflanze ist draußen. „Am besten, man reißt das Kraut in der vollen Blüte Ende Juli raus“, weiß Herbold. Dann sind die Samen noch nicht reif.

Indisches Springkraut (Impatiens glandulifera) ist ein Neophyt, also eine Pflanzenart, die vom Menschen in Gebiete eingeführt wurde, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommt. Die Pflanze stammt aus dem westlichen Himalaja. Von hier kam sie 1839 als Gartenpflanze nach England und wurde schon bald in vielen europäischen Gärten heimisch. Zur Ausbreitung haben aber vor allem Imker beigetragen – Bienen und Hummeln schätzen das reiche Nektarangebot des Springkrauts. In England wurden die ersten wild wachsenden Pflanzen schon 1855 gefunden. In der Schweiz gab es 1904 Berichte über Verwilderungen, von dort erfolgte wohl die Besiedlung rheinabwärts nach Baden-Württemberg.

Jede Pflanze produziert bis zu 4000 Samen

Doch wie schädlich ist das Indische Springkraut nun wirklich? Über den „Gestank“, der Steinlach-Anwohnerin Tanja Herbold so stört, mag man trefflich diskutieren – das Geruchsempfinden der Menschen kann recht unterschiedlich sein. Während manche der süßlich-schwere Geruch der Pflanzen an die Hinterlassenschaften von Hunden erinnert, fällt er anderen kaum auf. Auch über die Verdrängung anderer Pflanzenarten durch das Springkraut gibt es verschiedene Ansichten. Sie reichen von „sehr problematisch“ bis „praktisch kein Effekt“ – meldet jedenfalls das Bundesamt für Naturschutz: „Das Verdrängungspotenzial des Springkrauts wird vielfach überschätzt, sodass die Motive für eine Bekämpfung gründlich zu klären sind.“

Klar ist allerdings: Die Pflanze breitet sich rasch aus. „Impatiens glandulifera hat in den letzten Jahrzehnten sehr stark zugenommen und besonders auffällige Dominanzbestände aufbaut“, schreibt das Bundesnaturschutzamt. Sich vermehren, das macht das Springkraut mit einigem Geschick: Nicht nur mithilfe der meterweit geschleuderten und über Flüsse kilometerweit verschickten Samen, von denen jede Pflanze gut und gerne 4000 produzieren kann. Selbst ein kleines Stück Pflanzenstängel, das irgendwo ans Ufer geschwemmt wird, kann dort an einem der Stängelknoten rasch neue Wurzeln ausbilden – und eine rosablühende Kolonie gründen (siehe Bild links).

Die Stadt habe schon vor Jahren versucht, das Springkraut zu bekämpfen, weiß die Öffentlichkeitsverantwortliche Sabine Schmincke. Die Stadtgärtner versuchten es mit Abflämmen und „strenger Mahd“ – alles vergeblich. Das Kraut breitete sich immer weiter aus. Eins ist für Schmincke klar: „Mit der chemischen Keule vorgehen verbietet sich.“ Schließlich gehe vom Indischen Springkraut – anders als bei Ambrosia artemisiifolia, die als besonders allergieauslösend gilt – „keine Gefahr für Leib und Leben aus“. Auf die menschliche Gesundheit seien „keine Auswirkungen bekannt oder zu erwarten“, meldet das Bundesamt für Naturschutz.

Während am Neckar das Land verantwortlich zeichnet, ist für die Steinlach die jeweilige Stadt zuständig. „Rechtzeitig vor der Samenbildung“, so Schmincke, würden die Stadtgärtner jedes Frühjahr dort am Ufer mähen. Ausgespart würden lediglich jene Flächen, die als Rückzugsgebiete für Tiere vorgesehen sind. „Die Stadtgärtner sind geschult, Neophyten zu erkennen. Wenn die Springkraut sehen, reißen sie es raus.“ Allerdings: Wächst erst einmal so viel von dem Kraut wie nun an der Steinlach, gebe es für die Stadt „keine Möglichkeit mehr, das mit vertretbarem Aufwand wieder zurückzudrängen“. Schmincke: „Dagegen ist kein Kraut gewachsen.“

Und so wächst das Springkraut munter weiter – in seiner Ausbreitung einzig gestört von Tanja Herbold. Die würde sich über Unterstützung durch andere Tübinger/innen sehr freuen (siehe auch Kasten unten). Herbold würde dann auch gerne eine kleine Einführung geben, worauf man beim Pflanzenrausreißen achten sollte.

Tübingerin geht gegen Neophyten vor
Neophyten im Anmarsch: Tanja Herbold, Diplombiologin aus Tübingen, beim Ausreißen von Indischem Springkraut an der Steinlach.

Tübingerin geht gegen Neophyten vor
Die Springkraut-Blüten sind bei Bienen beliebt. Die Pflanze kann die Samen aus der reifen Kapsel bis zu sieben Meter weit schleudern.

Wie wäre es, wenn sich Patinnen und Paten für bestimmte Uferstücke an Steinlach und Neckar finden würden, um dort das Indische Springkraut in Zaum zu halten? Diese Idee von Tanja Herbold will man im Tübinger Rathaus gern aufnehmen. Allerdings bittet Sprecherin Sabine Schmincke alle Interessierten, nicht ohne Rücksprache loszulegen. Schließlich könnten auch Ufergebiete und Pflanzen betroffen sein, die als Rückzugsraum für Tiere vorgesehen sind.
Ansprechpartnerin bei der Stadt ist Martina Betaks vom Fachbereich Tiefbau, Straßen und Grün; Telefon 0 70 71/ 204-26 81. Betaks koordiniert bereits die Aktion „(M)ein Stück Tübingen“, bei der Pflegepatenschaften für die Bepflanzung öffentlicher Grünflächen, Pflanzkübel und Baumbeete übernommen werden können.

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23.08.2012, 12:00 Uhr

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