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Verkauft wird über das Internet

Tübingerin stellt Waren in fremden Schaufenstern aus

Anita Lorenz füllt langweilige Schaufenster von Büros oder leerstehenden Gebäuden mit selbst gemachten Halsketten, Taschen und Mützen. Den Verkauf dieser „Schauläden“ organisiert sie über das Internet.

23.09.2010
  • Lutz Bergmann

Tübingen. Wer durch die Stuttgarter Straße schlendert, stößt auf zwei auffällige Schaufenster. Hinter ihnen liegen wollene Taschen verschiedener Farben, mit gelbem Filz verzierte Vasen und bunte Knopfblümchen. „Das sind alles handgemachte Unikate“, sagt Anita Lorenz.

Tübingerin stellt Waren in fremden Schaufenstern aus
Anita Lorenz sortiert gerade die handgemachten Unikate in ihrem Schauladen um, während eine Passantin die Ware begutachtet. Bild: Metz

Die Tübingerin hat eine neue Verkaufsform entwickelt, die sie „Schauladen“ nennt. Das Konzept ist einfach. Lorenz stellt zusammen mit sieben anderen Hobbykünstlern ihre Ware in leerstehenden Schaufenstern aus. Ein Schild verweist auf eine Website (www.schauladen.de), auf der sich die potenziellen Kunden über Preis und Beschaffenheit der Produkte informieren sollen. Wer einen Artikel kaufen möchte, bestellt im Internet oder ruft Lorenz an. Wenn es besondere Farb- oder Größenwünsche gibt, vermittelt die Schauladen-Initiatorin die Kunden an die jeweiligen Hersteller. Manche Interessenten wollen einen Artikel erst anfassen, bevor sie ihn kaufen. Mit solchen vereinbart sie ein Treffen direkt am Schaufenster. Die Geschäftsidee kam der Mutter von zwei Kindern, weil sie selbst lederne Schühchen und Hosen näht. Eine professionelle Ausbildung hat die promovierte Lebensmittel-Chemikerin dafür jedoch nicht: „Ich bin weder Schneiderin noch Designerin.“ Für die Eröffnung eines Ladens reichte die Anzahl ihrer Kreationen nicht aus. Trotzdem wollte sie ihre Produkte vertreiben. „Es ist eine große Befriedigung, Dinge zu verkaufen, die man selbst hergestellt hat“, sagt Lorenz.

Lorenz träumt von regionaler Bekanntheit

Dieses Erfolgserlebnis wollte sie auch anderen Hobbybastlern ermöglichen. Auf Weihnachtsmärkten traf Lorenz Produzenten, die in der gleichen Situation wie sie sind. Wichtig bei ihrem Konzept war ihr, dass das finanzielle Risiko nicht zu groß ist. „Ich wollte was machen, ohne mich in Unkosten zu stürzen“, erklärt sie.

Das ist ihr gelungen. Für die Austellungen in den Schaufenstern zahlt sie keine Miete. Lorenz glaubt, die Eigentümer profitierten trotzdem von ihr, da sie für die kostenlose Werbung auf ihrer Webseite macht. Zudem zieht ihre Dekoration die Aufmerksamkeit der Passanten auf das Unternehmen. Vorbilder für ihren Schauladen sind die Guerillaläden in Berlin und das Projekt „der Laden“ in Stuttgart. Das Konzept dieser Geschäfte ist ähnlich. Sie besetzen für eine befristete Zeit einen leerstehenden Laden und verkaufen dort Kunstgegenstände und Kleidung. Wenn sich ein neuer Mieter für die Verkaufsfläche gefunden hat, verlassen sie die Räume.

Lorenz will ihre Schaufenster nicht ständig wechseln. Sie sucht nach längerfristigen Ausstellungsplätzen. Wenn ihr Geschäft sich gut entwickele, sei sie später bereit, Miete für Schaufenster zu zahlen, sagt die 43-Jährige. Momentan sucht sie jedoch erst mal nach weiteren Ausstellungsorten. „Wenn ich jetzt durch die Stadt gehe, gehe ich mit offenen Augen.“ In zwei bis drei Jahren möchte sie im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern viele Schauläden eröffnet und regionale Bekanntheit erlangt haben. Um diese Pläne zu verwirklichen, bräuchte sie aber mehr Bastler.

Momentan ist Lorenz jedoch noch weit von ihren Zukunftsträumen entfernt. Vor einer Woche hat sie erst begonnen, ihre handgefertigten Produkte in drei Schaufenstern in der Stuttgarter Straße und der Ruth-Marx-Straße anzubieten. Die Preise für die Kunstwerke variieren von zwei Euro für ein Knopfblümchen bis zu 43 Euro für eine Schultertasche. Teurer als 100 Euro sollten die Artikel laut Lorenz nicht sein, da sonst die Gefahr steige, dass Diebe in die Läden einbrechen. „Ich kann keine Haftung für die Unikate übernehmen“, erklärt sie. Wenn sich ein Kunde für einen Artikel entschieden hat, muss er sich gedulden. Denn der Versand der Schauläden laufe nach dem „Slow-Buy-System“, sagt Lorenz schmunzelnd. Sie könne einfach nicht jeden Tag in die Büroräume reinlaufen und Artikel aus dem Schaufenster holen. Daher dauere es manchmal bis zu einer Woche, bis sie die Bestellung versende. „Ich bin nicht Ebay oder Amazon“, erklärt Lorenz.

Trotzdem ist sie davon überzeugt, dass sich Interessenten für ihre Unikate finden werden: Die Leute hier legten Wert auf individuelle Produkte. Sie kauften lieber made in Tübingen als made in China.

Das Rückgaberecht ermöglicht Betrug

Etwas skeptisch ist sie gegenüber dem Versand im Internet. Denn der verleitet einige Kunden zum Missbrauch. Das Gesetz verpflichtet die Verkäufer nämlich, ein Rückgaberecht zu gewährleisten. Betrüger würden dieses Entgegenkommen ausnutzen, weiß Lorenz: „Die kaufen sich ein Kleid für eine Party und schicken es danach wieder zurück.“

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23.09.2010, 12:00 Uhr

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