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Kommentar

Tübus noch nicht reif für die Insel

Die Idee ist bestechend einfach: Ein jeder darf wo und wann immer er will in den Tübus einsteigen und in dichter Taktfolge in jeden beliebigen Winkel der Stadt fahren – ohne Dauerkarte, Kleingeld und abgezählte Waben. Und ohne Angst vor Kontrolleuren. Damit wäre manches Verkehrsärgernis bis hin zum Schwarzfahren aus der Welt geschafft. So funktioniert der öffentliche Nahverkehr seit 1960 auf Lummerland.

20.06.2012
  • Sepp Wais

Im wirklichen Leben müssen noch viele politische, rechtliche, organisatorische und finanzielle Hürden genommen werden, ehe der Traum vom Tübus umsonst für alle wahr werden kann. Noch gibt es kein Gesetz, das es Kommunen erlaubt, eine Verkehrsabgabe oder Maut einzutreiben. Laut OB Boris Palmer hat es die grün-rote Koalition in Stuttgart damit auch nicht sonderlich eilig.

Im Grunde ihrer Herzen dürfte das allen an der Tübus-Debatte Beteiligten bis hin zu Palmer sehr recht sein. Sie brauchen eh Zeit. Denn wenn sie das als ökologisch und sozial gefeierte Gratis-Modell tatsächlich auf die Schnelle wollten, könnten sie es schon nächstes Jahr haben. Es ginge auch ohne Landesregierung!

Der Tübinger Rat könnte sich die nötigen 14 Millionen Euro selber besorgen. Er müsste sich nur in der nächsten Etat-Runde dazu durchringen, die Gewerbesteuer um die Hälfte zu erhöhen. Alternativ könnte er auch die Grundsteuer verdoppeln oder die Parkgebühren auf das Sechsfache steigern. Wer weiß, welchen Ärger sich die Stadträte einhandelten, als sie bei den Grundsteuern zuletzt eine Million draufpackten, versteht, dass sie sich fürs Erste lieber mit virtuellen Finanzquellen befassen.

So bleibt den Tübingern viel Zeit, über die von Palmer im „Spiegel“ angestoßene und hinterher, im Angesicht empörter Altstadt-Händler, flugs zur „Gespensterdebatte“ runtergespielten City-Maut nachzudenken. Das ist gut so. Schon deshalb, weil es sich bisher kaum jemand vorstellen kann, wie das hierzulande noch nie erprobte Modell konkret funktionieren soll. Es gibt eine Fülle von Details, die geklärt werden müssen, ehe man sich seriös für oder gegen den millionenteuren Gratis-Bus entscheiden kann.

Vor allem aber ist eine bisher noch kaum diskutierte Grundsatzfrage zu beantworten: Macht es Sinn, dass sich Tübingen – inmitten eines unübersichtlichen Flickenteppichs von Verkehrssystemen – eine Insellösung schafft? Was, wenn andere Kommunen mit gleichem Recht Gleiches tun? Kommt dann an jedem Dorfeingang zur obligatorischen Radarfalle noch eine Maut-Kamera? Was, wenn sich Tübingen für die Umlage entscheidet und Reutlingen für die Maut? Zahlen die Tübinger dann den Busverkehr in beiden Städten? Letzte Frage: Wäre es da nicht besser, auf den Tübinger Sonderweg ins Ungewisse zu verzichten und alle Kräfte darauf zu konzentrieren, die öffentlichen Verkehrssysteme großflächig zusammenzuführen?

Mehr zum Thema am Mittwoch im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT

Tübus noch nicht reif für die Insel
Kleinliche Einwände vom Gemeinderatsorchester.

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20.06.2012, 12:00 Uhr

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