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Ein Katamaran aus Wannweil

Tüftler Euchenhofer erfand Hochseeboot mit verstellbarer Breite

Ausgerechnet aus Wannweil mitten im Binnenland stammt eine neue Generation hochseetauglicher Katamarane. Das ist nicht die einzige Überraschung: Die Firma „Futura Yacht Systems“ baut Boote, deren Rümpfe sich von 8 auf 4,80 Meter verschlanken lassen. So werden die Katamarane kanaltauglich – und Liegegebühren im Hafen billiger.

02.11.2015
  • Bernhard Haage

Wannweil. Wer in Wannweil nach einer Werft Ausschau hält, kann lange suchen. Dennoch hat das Bootsbau-Unternehmen „Futura Yacht Systems“ seinen Sitz in der Echazgemeinde. Hintergrund: Geschäftsführer Gerhard Euchenhofer, gelernter Zimmerermeister und Betriebswirt, ist an den Ort seiner Jugend zurückgekehrt. Hier macht er das, was er am besten kann: Erfinden, Konstruieren und Designen. Vor kurzem hat nun die Serienproduktion seiner Boote begonnen.

Gleich nach dem Abschluss seiner Ausbildungen gewann der Tüftler Innovationspreise. So inspirierte ihn die Geburt seiner beiden Kinder zum ersten dreirädrigen Kinderwagen Deutschlands. Das Modell „Kid Mobil“, das sich mit wenigen Handgriffen in einen straßenverkehrszugelassenen Fahrradanhänger, in eine Rückentrage oder in einen Skilanglaufanhänger umbauen lässt, sollte später ein Flaggschiff seines 1994 gegründeten Unternehmens „Family Sports“ werden.

Boote werden in Estland produziert

Euchenhofer hatte erfolgreich exklusive baubiologische Häuser bei der „Bau Art Partner Gremmel s pacher GmbH“ in Münsingen-Auingen gebaut, bevor er sich mit „Family Sports“ selbstständig machte. Neben Sport- und Freizeitgeräten für nichtbehinderte Kinder entwickelte er bald auch Modelle für Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen. Das vollgefederte „Kangoo Rehamobil“ erlaubte auch ihnen Ausflüge über Stock und Stein.

Das Jahr 1999 brachte eine dramatische Wende. Hängengelassen von zwei Importeuren, musste sein Unternehmen Insolvenz anmelden. Übrig blieb wegen seiner Privathaftung ein gewaltiger Schuldenberg. Den hat der Unternehmer in zehn Jahren komplett abgezahlt.

„In dieser Zeit musste ich die Unternehmungen kleinhalten“, sagt Euchenhofer. „Aber ich bin bei den Ideen geblieben.“ Zur wohl größten ist er von seinem Onkel Ernst Bullmer inspiriert worden. Der bekannte Segler war der erste Deutsche, der in den Jahren von 1978 bis 1981 mit einem Katamaran die Welt umsegelte.

Seine Überlegung nach dieser Rekordfahrt war: Wie könnte man große Katamarane hafentauglicher machen? Denn schmalere Boote zahlen weniger Liegegebühren. Außerdem passen die in der Breite geschrumpften Katamare auch durch Schifffahrtskanäle wie den an der Loire oder den Canal du Midi.

Bald war die Idee zweier zusammenschiebbarer Rümpfe geboren – und der Wannweiler Entwickler machte sich daran, zusammen mit dem Steinbeis-Forschungszentrum in Stuttgart einen Verschiebemechanismus zu entwickeln. Die größten Schwierigkeiten brachten die hohe mechanische Beanspruchung durch den Wellengang und die Korrosionskräfte von Salz- und Kondenswasser mit sich.

Im dritten Anlauf jedoch hatte Euchenhofer getreu seinem Grundsatz „Nicht so viel wie möglich – so viel wie nötig“ eine Lösung gefunden, die auf überflüssige Technik verzichtet und sich bei Bedarf sogar von Hand verschieben lässt.

Für den Verstellmechanismus wurde er 2013 mit dem Adalbert-Seifritz-Preis und 2015 mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Zusammen mit Ernst Bullmer und einem segelbegeisterten Investor aus Hamburg hat er seit 2009 rund 3,9 Millionen Euro in die Entwicklung des Bootes gesteckt. Mittlerweile arbeiten 14 freie Mitarbeiter in Deutschland für sein Unternehmen und weitere 19 Leute in der Partnerwerft in der Stadt Pärnu in Estland. Dort werden die Katamarane jetzt seit drei Wochen auf einer Produktionsfläche von 4000 Quadratmetern in Serie gefertigt. Verkauft werden sie vor allem auf Fachmessen.

Ins Schwärmen gerät Euchenhofer, wenn er von der Composite-Technologie spricht. Die spezielle, aus der Natur abgeschaute Kon struktion aus Carbon erlaubt auch beim Yachtbau eine extreme Leichtbauweise bei enormer Belastbarkeit.

„Ich bin ein totaler Carbon-Freak“, sagt der Unternehmer und zeigt seine Armbanduhr, die natürlich auch aus dem Material ist. Ebenfalls extrem leicht sind weitere Entwicklungen von Euchenhofer. Unter dem Namen „Buddybox“ fertigt er modulare Wohnbausteine für Wohnmobile und Yachten wie Trockentoilette, Kühlschrank oder Wasch- und Kochgelegenheit. Sie lassen sich ganz einfach nach Bedarf ein- oder ausbauen.

Das gilt übrigens auch für die großen Wohngondeln bei den Futura-Katamaranen. So kann beispielsweise aus einem Ausflugsboot mit 84-Personen-Omnibusbestuhlung durch Austausch des Modules später eine private Luxusyacht, ein Charterboot oder ein Hausboot werden. „Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten für einen Second-Hand-Markt“, glaubt Euchenhofer, der sich mit seiner Frau am liebsten am Kamin, beim Lesen oder Musizieren entspannt und deshalb auch keinen Fernseher hat. Aber noch öfter tüftelt er an seinem Schreibtisch oder in der Werkstatt. „Der Beruf ist für mich keine Qual“, verrät der sympathische Macher strahlend. „Für mich ist das Leidenschaft.“

Tüftler Euchenhofer erfand Hochseeboot mit verstellbarer Breite
So sieht ein breitenvariabler Katamaran aus, den Gerhard Euchenhofer in Wannweil entwickelt hat.Bild: Futura Yacht Systems

Tüftler Euchenhofer erfand Hochseeboot mit verstellbarer Breite
Gerhard Euchenhofer vor einem Model seines KatamaranBild: Haage

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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