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Leonberg

Tür an Tür

Im Leonberger „Hoffnungshaus“ leben Deutsche und Flüchtlinge unter einem Dach. Auch im Landkreis Esslingen sind solche Häuser geplant. Ein Besuch.

18.10.2016
  • TILMAN BAUR

Basela Albecreh ist glücklich. Vor nicht allzu langer Zeit lebte sie in einer Turnhalle, musste Küche, Bad und alles andere mit Fremden teilen. Jetzt wohnt sie im „Hoffnungshaus“ in Leonberg (Kreis Böblingen), einem unauffälligen Gebäude in der Heinrich-Längerer-Straße. Hübsche Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten reihen sich in dieser Gegend aneinander, ein Schild vor einer Tür verspricht „Honig aus eigener Imkerei“. Inmitten dieser schwäbischen Kleinstadtidylle wohnen seit Kurzem Deutsche und Flüchtlinge unter einem Dach – ein unkonventionelles Projekt der Leonberger „Hoffnungsträger“-Stiftung.

In ihrer kleinen Wohnung wohnt die Syrerin Basela Albecreh nun mit ihrer 20-jährigen Tochter Tala zusammen. Ihr Mann und ihr Sohn sind in Damaskus geblieben, die Flucht gelang ihnen nicht. Im „Hoffnungshaus“ nennen Basela Albecreh alle nur noch „Mama“ wegen ihrer Kochkünste und ihrer herzlichen Art. „Ich mag einfach alle, das Zusammenleben macht mir großen Spaß“, sagt sie in gut verständlichem Englisch. Vor Monaten schon hat Angelika Röhm, die Leiterin des „Hoffnungshauses“, sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, bei dem Projekt mitzumachen. Die Zusage kam sofort.

Auflage: Zehn Stunden anpacken

Nächste Woche fängt Albecreh mit Deutschkursen an. Die Auflage für die Wohnung im „Hoffnungshaus“ – mindestens zehn Stunden monatlich mitanzupacken – sind für sie kein Problem: „Ich helfe im Garten, putze, koche – egal was“, versichert sie. Sie verstehe schon viel Deutsch, nur das Sprechen falle ihr noch schwer. Es ist vor allem die Untätigkeit, die Albecreh im Moment zu schaffen macht, trotz der neuen Hausgemeinschaft. Sie will arbeiten. „Ich bin Maschinenbauingenieurin, war die Jahrgangsbeste an meiner Universität“, sagt sie. In Damaskus sei sie jahrelang ihrem Beruf nachgegangen. Stolz zeigt sie ihr Universitätsdiplom. Sie hofft, dass es ihr weiterhilft. Tochter Tala tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter. „Tala ist gerade nicht da, sie macht einen Deutschkurs“, erzählt die 54-Jährige. Angelika Röhm nickt: „Tala ist sehr ehrgeizig, sie will unbedingt vorankommen.“

In Syrien hat Tala Bauingenieurwesen studiert, wie ihre Mutter, konnte das Studium aber nicht abschließen. In Deutschland wolle sie deshalb so schnell wie möglich an die Uni. „Tala möchte nie mehr nach Syrien zurück“, sagt Albecreh voller Überzeugung, während sie eine Tasse arabischen Kaffee serviert. „Sie hat drei gute Freunde im Krieg verloren. Sie will hier leben, sie liebt Land und Leute.“

19 Flüchtlinge und 17 Einheimische sind mittlerweile ins „Hoffnungshaus“ in Leonberg eingezogen; ein zweites soll dort 2017 eröffnen, ebenfalls mit Platz für rund 35 Menschen. Auch Angelika Röhm lebt nun hier. Die 39-jährige hat sich mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in der Wohnung quer gegenüber von Baselas und Talas Appartement eingerichtet. Die Familie war jahrelang im Entwicklungsdienst tätig, das letzte Jahrzehnt verbrachte sie bei einem Projekt in der Atacama-Wüste in Chile.

„Die ersten Wochen des Zusammenlebens hier im Haus waren sehr intensiv“, sagt Röhm. „Ich glaube, diese Zeit ist entscheidend. Jetzt geht es darum, Beziehungen zu gestalten.“ Eine feste Tagesstruktur gebe es noch nicht, freiwilliger Kontakt bestehe aber reichlich. „Man lädt sich gegenseitig auf eine Tasse Tee ein, isst zusammen. Freitags gibt es einen Begegnungsabend, der für alle offen ist“, erzählt die Projektleiterin. Vor allem die Sporteinheiten entpuppten sich als wertvoll, um sich ohne große Worte besser kennenzulernen. „Am besten klappt es bei den Kindern. Die haben sich schon nach wenigen Tagen angefreundet“, sagt Röhm.

Leonberg als Testballon

Wie sich alles entwickelt, weiß keiner. Das „Hoffnungshaus“ ist ein Pionierprojekt, die Einrichtung in Leonberg ein Testballon. Die hier gemachten Erfahrungen dienen als Blaupause für weitere „Hoffnungshäuser“, die die 2013 in Leonberg gegründete „Hoffnungsträger“-Stiftung plant. Etwa in Esslingen, wo drei solcher Häuser entstehen sollen. „Ziel ist natürlich, das Haus früher oder später wieder zu verlassen“, stellt Angelika Röhm klar. Denn das „Hoffnungshaus“ soll für seine Bewohner keine Endstation sein, sondern ein Sprungbrett in die Gesellschaft.

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18.10.2016, 06:00 Uhr

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