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Mössingen bei Nacht

Turbulenter Prozess um bestohlene Prostituierte

Er soll eine junge Prostituierte mit Gewalt um ihren Lohn gebracht haben: Ein 61-Jähriger ehemaliger Mössinger steht seit Donnerstag vor dem Tübinger Amtsgericht. Trotz des ernsten Anlasses: Der Prozess trägt possenhafte Züge.

13.09.2012
  • Eike Freese

Mössingen. Ein unbeschriebenes Blatt kann man den Angeklagten nicht nennen. Der 61-jährige ehemalige Mössinger, der am Donnerstag vor dem Tübinger Amtsgericht erschien, ist 22 Mal vorbestraft. Er hat Prostituierte betrogen, Internet-Bekanntschaften belästigt und verfolgt, Nachbarn sexuell verunglimpft. Bis Oktober noch sitzt er derzeit im Rottenburger Knast. Jetzt lautet die Anklage: räuberischer Diebstahl an einer Prostituierten.

Stuttgart im Juli 2011: Der Mössinger, finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, leistet sich ein Taxi aus dem Steinlachtal in die Landeshauptstadt und sucht sich an der Katharinenstraße eine junge Frau aus. 50 Euro für eine halbe Stunde. Die damals 20-Jährige mit Wurzeln in Bulgarien nimmt ihn mit aufs Zimmer. Später will der Mössinger sie mit an die Steinlach nehmen. Die beiden vereinbaren 500 Euro für drei Stunden und nehmen den nächsten Zug. Am Bahnhof nimmt der Mann die zierliche Frau auf den Gepäckträger und radelt sie zu seiner Wohnung. Das Haus in der Stadtmitte sieht adrett aus, die junge Frau wird nicht stutzig: „Es war ein älterer Herr“, gibt die Frau vor Gericht zu Protokoll. „Außerdem ein Kunde, den ich kannte. Und meinem Ehemann habe ich vorher noch Bescheid gesagt.“ Rund zwei Stunden später steht die Frau ohne Kleider auf der Straße und ruft um Hilfe.

Die Äußerungen darüber, was vorher im Zimmer geschah, gehen auseinander. Der 61-Jährige behauptet, die Frau habe bloß 300 Euro abgemacht. Sich erstmal an seinem PC vergnügt. Und sich dann geweigert, Sex im von ihm gewünschten Sinne zu haben. Er habe sich geweigert, die 300 Euro zu bezahlen, sie sei ihm an die Sportshorts gegangen und habe sich das Geld genommen – zudem weitere 200, die er rein zufällig in eben dieser Hose gehabt habe. Die Version der jungen Frau: Während sie unter der Dusche steht, greift der 61-Jährige in ihre Hose und nimmt die vereinbarten 500 Euro wieder heraus. Sicher ist bislang vor allem: Es gab ein Handgemenge und laute Schreie, zuhilfe eilende Nachbarn, Polizei und verschwundene 500 Euro.

Es war ein turbulenter Tag im Saal 36 des Amtsgerichts an der Doblerstraße: Unglaublicherweise lachte teils der ganze Raum, inklusive Angeklagtem und Staatsanwältin. Denn der Prozess trug trotz seines überaus ernsten Anlasses genug Züge einer Posse.

Da war zunächst die Frage, wie der Angeklagte sich seinen teuren Lebensstil überhaupt leisten konnte. Grinsend und mit verschränkten Armen saß der Hartz IV-Empfänger auf der Anklagebank und berichtete freimütig über seine erotischen Expeditionen in den Kessel: Meist mit dem Taxi aus Mössingen, „immer mit dünnen“, „nie mit molligen“ Frauen aus dem Milieu. 250 Euro allein an Taxikosten im Monat, die teuren Stunden unterm Schummerlicht nicht miteingerechnet. „Bleiben 87 Euro zum Leben“, rechnete Richter Eberhard Hirn dem Hartz IV-Empfänger vor. Antwort: „Stimmt.“ – „Womit zahlen Sie dann die Mädchen?“ – „Auch mit Geld.“ – „Wo kommt das Geld her?“ – Schweigen. – „Und wer zahlt Ihr Viagra?“

Rund 15 000 Euro Schulden, einen vorherigen Job als Küchenhilfe und eiserne Haushaltsdisziplin waren die einzigen Anhaltspunkte, die der Mössinger für seine kostspielige Abendgestaltung anbringen konnte.

Um Argumente und Glaubwürdigkeit des Angeklagten war es teils nicht zum Besten bestellt. Steilvorlagen des Gerichts, sich reuig oder zumindest bescheiden zu zeigen, nutzte der 61-Jährige oft bewusst nicht. Lachend und mit breiter Brust weihte er Richter, Schöffen und Anwälte ungefragt in Details seiner Lebensführung ein: „Ich schlucke die Dinger immer 20 Minuten vorher, schon im Taxi. Es klappt immer. Ich habe auch schon mal zwei Viagra auf einmal geschluckt, und das ist lebensgefährlich!“, prahlte der Mössinger.

Für die Wahrheitsfindung war das tatsächlich nicht unerheblich, da Prostituierte und Freier sich gegenseitig unterstellten, in den zwei Stunden nichts geleistet zu haben – und daraus Ansprüche ableiteten. „Ich wollte sie für zwei Stunden und das hätte ich auch geschafft“, protzte der Angeklagte. Amtsrichter Hirn darauf trocken: „Zwei Stunden Geschlechtsverkehr? Ja, was will man abends in Mössingen auch anderes machen.“

Anfang Oktober wird der Prozess vor dem Tübinger Amtsgericht fortgesetzt. Am ersten Verhandlungstag konnte nicht abschließend geklärt werden, ob das vermeintliche Diebstahls-Opfer nicht vielleicht doch das Geld über Umwege erhalten hat.

Richter: Eberhard Hirn; Schöffen: Susanne Kübler, Wolfgang Pasche; Rechtsanwalt: Hans-Christoph Geprägs; Staatsanwältin: Edith Zug.

Mehrere Zeugen galten vor Beginn des Prozesses als nicht auffindbar. Das wurde von allen drei Parteien so akzeptiert. Während der Verhandlung selbst aber fiel dem Angeklagten die Telefonnummer eines Taxifahrers ein. Der wurde noch am selben Tag bestellt und konnte die Glaubwürdigkeit des Angeklagten ein wenig stützen. Noch während der Verhandlung suchte das Gericht auf dem Internet-Portal Facebook nach einem weiteren Zeugen, der möglichst angehört werden soll. Für die Abschätzung der Prognose wurde zudem während der laufenden Verhandlung beschlossen, eine Bekannte des Angeklagten ebenfalls zu konsultieren.

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13.09.2012, 12:00 Uhr

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