Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Turm der Mauritiuskirche muss saniert werden
Der Turm der Ofterdinger Mauritiuskirche in der Abendsonne. Davor ist das Fachwerk der Ortsbücherei zu sehen.
Mit den Glocken schwingt die Mauer

Turm der Mauritiuskirche muss saniert werden

Das Taschenmesser lässt sich in den Balken stecken wie in ein Stück Butter. Faul und feucht ist das Holz. Und Risse durchziehen das Mauerwerk. Der Turm der Ofterdinger Mauritiuskirche ist nicht einsturzgefährdet. Aber er muss saniert werden.

22.06.2012
  • Susanne Wiedmann

Ofterdingen. Die Wendeltreppe endet am alten Uhrwerk. Im zweiten Turmgeschoss, 15 Meter hoch, vorbei an Spinnweben und Fledermausdreck. Wer früher dorthin hochklettern wollte, musste von außen über eine Leiter durch den Fensterschlitz steigen. „Er wurde als Wehrturm gebaut“, erklärt der Ofterdinger Pfarrer Bernhard Schaber-Laudien. „Erst später wurde die Wendeltreppe eingesetzt.“

Über dem schmalen Ostfenster spaltet sich die Mauer, starke Risse ziehen sich durch den Fenstersturz. Der quadratische Kirchturm wurde zweischalig konstruiert. Behauener Sandstein bildet die Außenhaut, Bruchsteinmauerwerk die Innenwand, mehr oder weniger zusammengehalten von Kalkmörtel. Und nun passiert, was nicht sein darf: Die innere Mauerschale löst sich von der äußeren ab. Wegen zu vieler Hohlräume und zu weniger Verzahnungen – bei einer Mauerstärke von rund zwei Metern.

Esse in der Türmerstube

Die Löcher im Boden dieses Geschosses waren indes gewollt. Als die Glocken noch von Hand geschwenkt wurden, führten dort die Seile nach unten in die Sakristei und aufwärts zum Geläut. Wer nach oben blickt, dem öffnet sich ein riesiger, düsterer Hohlraum, ohne Fenster, der bis zum Boden des Glockengeschosses reicht. Zwölf Meter hoch. „Der macht einem fast Angst“, sagt der Architekt Albert Hörz. Zwischen 1427 und 1525 wurde der Turm in mehreren Etappen errichtet. „Das ist doch ein geniales Bauwerk.“

Eine schmale Sandsteintreppe führt entlang der Wand nach oben, mit eingedellten Stufen, über die in den vergangenen 500 Jahren unzählige Füße marschiert sind. „Wenn oben einer gestoßen wird“, sagt der Pfarrer, ist klar, dass die hinteren wie Dominosteine die Treppe hinab fallen.

Einst stieg der Türmer auf diesem Weg in seine Stube hinauf. Und wenn er fror, legte er in der Esse Holz nach. Türmer gibt es längst keine mehr. Aber die Esse steht noch in der Türmerstube. Und kleine Käfer krabbeln und fressen sich durch die Holzbalken. Nicht durch den harten Eichenholzkern, aber durch den weichen, äußeren Splint. Auch hier sind Spalten in den Fenster- und Türstürzen. Bei der letzten Sanierung vor 15 Jahren wurden Risse im Außenbereich verfugt. Aber innen wurde nichts gemacht. „Leider“, bedauert Bernhard Schaber-Laudien. „Sonst könnten wir jetzt statt des Kirchturms das Gemeindehaus sanieren“ – was ebenso dringend ist. Jetzt hat der Mauritiuskirchturm Vorrang, „weil eine Gemeinde ohne Gemeindehaus vorstellbar ist, aber nicht ohne einen Kirchturm“.

Jede Generation hat daran herumgebastelt

Eine hölzerne Treppe verbindet die Türmerstube mit dem Glockenstuhl im vierten Geschoss, in einer Höhe von fast 40 Metern. Dort hängen nicht nur die vier Glocken. Hier liegt auch das größte Problem. Denn der Glockenstuhl und das Mauerwerk berühren sich. Und jedes Mal, wenn die Glocken läuten und schwingen, vibriert die Wand. „Auf der inneren Mauerschale liegt nicht viel Last. Wenn der Glockenstuhl gegen das Mauerwerk arbeitet, lässt die Stabilität nach“, erklärt der Architekt. Deshalb bröckelt auch der Putz und rieselt zu Boden. „Offensichtlich ist die Bewegung so groß, dass er herunterfällt“, betont Hörz. Das sei ungewöhnlich. Und über den spitzbogigen Maßwerkfenstern wölbt sich die Mauer zwanzig Zentimeter nach innen.

Unter dem Dach liegen Schutt, Ziegel, Holz herum, die heruntergepurzelt sind. „Da kommt irgendwo ziemlich viel runter.“ Balken sind lose und oft feucht, weil an manchen Stellen Wasser durch das Dach floss. Es sind Zapfenlöcher zu sehen, aber nirgendwo die dazugehörenden Balken. Und auch hier haust Ungeziefer, weil Eichenbalken eingebaut wurden, ohne den Splint abzuschaben. „Unsere Vorgänger sind relativ zügig über die Schäden hinweggegangen“, bedauert der Architekt. „Und jede Generation hat daran rumgebastelt.“

Rund 300.000 Euro wird die Sanierung des Mauritiusturms kosten. Die bisher veranschlagten 220.000 Euro werden auf keinen Fall reichen. Da ist sich der Architekt sicher. Allein das Gerüst kostet 40.000 Euro. Aber das Dach muss abgedeckt, die Biberschwänze müssen gelagert und wieder aufgesetzt werden. „Ein gigantischer Aufwand in dieser Höhe“, findet Schaber-Laudien. Die Arbeiten am Dachstuhl werden rund 100.000 Euro kosten, am Mauerwerk etwa 20.000 Euro.

Zudem wird der Glockenstuhl genauer untersucht und die Glocken so eingestellt werden, dass möglichst wenig Schwingung auf das Mauerwerk übertragen wird. Für die Hälfte der Kosten muss die evangelische Kirchengemeinde Ofterdingen aufkommen. Trotzdem ist es dem Pfarrer nicht bang. „Das ist ein Haufen Geld. Aber wir kriegen das hin.“ Obwohl kaum Rücklagen vorhanden sind. Aber bereits jetzt sind Spenden eingegangen. Wenn die Gemeinde 75.000 Euro zusammen hat, kann sie den Bauantrag beim Oberkirchenrat stellen. Vermutlich wird 2014 saniert.

Schaber-Laudien glaubt, dass viel gespendet wird, weil die Menschen mit dem Kirchturm verbunden sind. Auch jene, die nichts mit der Kirche zu tun haben. Für den Ofterdinger Pfarrer ist es der schönste im Steinlachtal – mit seinen zinnenbewehrten Giebeln ost- und westwärts. Und es ist das Wahrzeichen des Ortes, das weit über die Dächer Ofterdingens hinausragt. „Ohne ihn wäre es nicht mehr der Ort“, sagt der Pfarrer. „Für Orgel, Glocken und Kirchturm spenden die Leute. Alles andere ist schwierig.“

Turm der Mauritiuskirche muss saniert werden
Architekt Albert Hörz zeigt Wasserschäden und zerfressene Balken im Dachstuhl des Kirchturms.

Turm der Mauritiuskirche muss saniert werden
Risse durchziehen den Fenstersturz im zweiten Geschoss.

Der Architekt Albert Hörz berichtet heute Abend um 19 Uhr über die Schäden am Turm der Mauritiuskirche. Bereits ab 18 Uhr gibt es Vesper und Getränke auf dem Kirchplatz. In Kleingruppen können Interessierte um 18 Uhr und nochmals zwischen 20 und 21.30 Uhr den Ofterdinger Kirchturm besteigen. Zudem werden ab 20 Uhr auf dem Kirchplatz Stockbrot und Rote Würste gebraten. Wer für die Sanierung des Mauritiusturms Spenden möchte, kann dies auf die Konten der evangelischen Kirchengemeinde: Bei der Kreissparkasse Tübingen (BLZ 641 500 20), Konto-Nummer 3 01 45 98 oder bei der VR Bank Steinlach-Wiesaz-Härten (BLZ 64 06 18 54) auf das Konto-Nummer 40 45 90 04.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.06.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball