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Rap-Texte ohne Barrieren

Über 200 Besucher schauten sich beim kreisweiten Inklusionstag um

Die Glashalle im Tübinger Landratsamt wurde gestern Nachmittag zur großen Bühne: Für das „Theater inklusive“, für den jungen Rapper Santiago Österle, für die Gebärdendolmetscherinnen und viele Einrichtungen und Initiativen: Über 200 Besucher kamen zum ersten Inklusionstag des Landkreises.

06.12.2014
  • Christiane Hoyer

Kreis Tübingen. Wie Inklusion im Alltag gelingen kann und wo es noch Barrieren gibt, war immer wieder Thema: An den 34 Ständen des „inklusiven Markts der Möglichkeiten“ informierte zum Beispiel der heilpädagogische Reiterhof aus Ofterdingen über seine Angebote, während ein junger Mann mit Downsyndrom auf dem aufgebauten Holzpferd Übungen im Stehen zeigte. Auf Gabi Schreibers Hof gibt‘s eine extra breite Gasse im Pferdestall für Rollstuhlfahrer. Diese tragen den Futtereimer auf ihrem Schoß, das Füttern überlassen sie den Fußgängern. „So sieht unser Alltag aus, und den möchte ich nicht missen“, schildert Gabi Schreiber beim Podium den Zuhörern und der Moderatorin Elvira Martin vom Tübinger Sozialforum.

Beispiele für gelungene Inklusion konnte auch Kusterdingens Bürgermeister Jürgen Soltau beisteuern. Er berichtete von der langjährigen Kooperation zwischen der August-Lämmle-Schule und der Kirnbachschule in Pfrondorf. Einmal, so Soltau, setzte sich der Kooperationsunterricht sogar bis zur siebten Klasse fort. Die Lämmle-Schüler sprachen liebevoll über ihre „kleinen Geschwister“ aus der Kirnbachschule, 80 Prozent des Unterrichts hatte die Klasse gemeinsam.

Solche Kooperationsformen gab es in der Kindheit von Willi Rudolph nicht. Der heute 70-jährige Kreisbehindertenbeauftragte berichtete, dass er „aus der Not heraus“ in den Regelkindergarten und die Grundschule gehen durfte. Doch als er bettlägerig war, wurde dem schwerbehinderten Bub ein Heimaufenthalt und eine Korbflechterlehre nahegelegt. Dass Rudolph später seine eigene Firma gründete, hat er in seinem Buch „Geht nicht gibt’s nicht“ beschrieben. Auch gestern rief er den vielen Besuchern mit Behinderung zu: „Auch in scheinbar aussichtslosen Situationen solltet ihr nicht aufgeben!“

Für Santiago Österle kommt das ohnehin nicht infrage. Mit seinen eigenen Rap-Texten will der 17-jährige Rollifahrer „etwas in Bewegung bringen“. Zum Auftakt des Inklusionstags präsentierte er einen Beat-box, schnalzte, zischte und schluckte auf der Bühne im rhythmischen Takt mit Mund und Stimme – grandios übersetzt von der Gebärdendolmetscherin Rita Mohlau. Und sein später vorgetragener Rap „Das Leben gestalten“ thematisiert, was den jungen Künstler bewegt: „Ich will mit meinen Texten Barrieren überwinden und die Leute erreichen“, sagt Österle, der sich mit Künstlernamen „Mundjongleur“ nennt. Er selber hätte sich früher „mehr Kontakt zu Fußgängern“ gewünscht – er ging in den Behinderten-Kindergarten Unterjesingen, dann auf eine Behindertenschule. Inklusion erlebt Österle vor allem im Zirkus Zambaioni. Wenn er nach einem Konzert mit der Bahn heimfahren will, gibt es öfters Situationen, in denen er auf die Hilfe von mehreren Leuten angewiesen ist, die seinen 195 Kilo schweren Rollstuhl in den Zug wuchten. „Das ist eine Zumutung für jeden Rücken“, schimpft er.

Auch Cornelia Huth vom preisgekrönten Projekt „Move“ schilderte die Barrieren beim Zugfahren oder wenn sie zum Arzt muss. Der stellvertretende Landrat Hans-Erich Messner berichtete vom ÖPNV-Förderprogramm Barrierefreiheit, mit dem der Kreis viele Bussteige höhergelegt hat. Er appellierte aber an alle, „Unzulänglichkeiten zu melden“.

Der Landesbehindertenbeauftragte Gerd Weimer lobte in seiner Ansprache das Tempo, in dem der Kreis Tübingen Inklusion zu seiner „Chefsache gemacht“ habe. Er wie Landrat Joachim Walter sprachen von den „Barrieren in den Köpfen“, die es abzubauen gelte. Inklusion, so der Landrat, bedeute „niemanden auszuschließen und sollte eigentlich selbstverständlich sein“.

Über 200 Besucher schauten sich beim kreisweiten Inklusionstag um
Applaus gab es gestern in der Glashalle des Tübinger Landratsamts für den Rapper Santiago Österle und die Gebärdendolmetscherin Rita Mohlau.Bild: Sommer

Den Inklusionstag im Landratsamt hat Ute Schwarzkopf-Binder ein halbes Jahr lang vorbereitet. Das Land förderte ihn mit 8600 Euro. In der Glashalle und auf der Galerie informierten 34 Organisationen, Einrichtungen, Initiativen nebst Stadt und Landkreis aus den Bereichen Arbeit, Freizeit und Sport, Mobilität, Bildung und Kultur sowie die inklusive Kommune über ihre Teilhabe-Angebote. Seit 2005 ist der Landkreis Tübingen zuständig für die Eingliederungshilfe. Im Mai 2013 wurde der Teilhabeplan einstimmig im Kreistag beschlossen. Der Teilhabeplan beinhaltet eine Bestandsaufnahme bestehender Angebote und formuliert Empfehlungen für die konkrete weitere Umsetzung von Inklusion.

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06.12.2014, 12:00 Uhr

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