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Totschlagsprozess

Über das Tatmotiv lässt sich nur spekulieren

Bei der 27-Jährigen, die am 15. Januar ihren 46-jährigen Ehemann erstochen hat, gibt es keine Hinweise auf eine eingeschränkte Schuldfähigkeit. Es sei denn, die Tatsituation war ganz anders, als von der Angeklagten dargestellt.

24.10.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen / Sulzau. Die zweifache Mutter hatte ihren Mann am 15. Januar 2012 in ihrem elterlichen Haus in Sulzau mit einem Messerstich ins Herz getötet (wir berichteten mehrfach). Laut dem gerichtsmedizinischen Gutachter Prof. Frank Wehner hat die Angeklagte mit solcher Wucht zugestochen, dass an einer Rippe ihres Mannes eine Scharte entstand.

Bisher ist ungeklärt, wie es zu den Blutergüssen an beiden Augen des Getöteten kam. Der Rechtsmediziner berichtete gestern vor dem Schwurgericht Tübingen von „mindestens zwei Schlägen auf die Augen“, die dem 46-Jährigen kurz vor der tödlichen Stichverletzung durch stumpfe Gewalt zugefügt wurden, etwa mit einer Schöpfkelle oder mit der Faust.

Dem psychiatrischen Gutachter Dr. Peter Winckler sagte die Angeklagte zunächst, sie habe fast keine Erinnerung an den Tatabend. Sie wisse nur noch, dass es eine lautstarke Diskussion gegeben habe um eine Detailfrage der Narrenzunft Sulzau, der beide Eheleute angehörten.

Diese Angaben reichten nicht aus, um die Tat als Affekthandlung einzustufen, betonte Winckler. Nach den Ausführungen der Angeklagten sei es bei der Auseinandersetzung mit ihrem Mann um Lappalien gegangen. Eine emotionale Ausnahmesituation lasse sich damit nicht erklären. Auch „der Wechsel von Tatwerkzeugen während des Tatgeschehens“ spreche gegen eine Affekthandlung. Allerdings sei „der Lebenszuschnitt der Angeklagten“ weniger harmonisch gewesen, als von ihr gegenüber ihm und der Polizei eingeräumt. Zwischen 2009 und 2011 hatte die Frau eine außereheliche Beziehung. „Im Herbst 2011 tauchte der nächste Mann auf.“ Der 40-Jährige sollte die Angeklagte am Tattag beim Fasnetsumzug in Mühringen treffen, hatte aber abgesagt. Drei Tage zuvor sollen er und die Angeklagte zum ersten Mal miteinander geschlafen haben.

Für den Psychiater zeigten die Affären, „dass die Angeklagte auf der Suche war“ – angesichts in ihrer Ehe unerfüllter Wünsche. Falls es bei dem Streit am Tatabend um ihre Untreue gegangen sei und ihr Mann womöglich gedroht habe, ihr die Kinder wegzunehmen, werde die Eskalation eher plausibel. „Aber das sind alles Hypothesen“, betonte der Psychiater.

Im Gespräch mit ihm sei die 27-Jährige stets höflich geblieben, habe nie gereizt oder pampig reagiert, berichtete Winckler. Hinweise auf eine Störung der Impulskontrolle gebe es nicht. Zunächst habe die Angeklagte bestritten, überhaupt in der Nähe ihres tödlich verletzten Mannes gewesen zu sein. Noch im dritten Gespräch habe sie betont, „es habe keine körperliche Auseinandersetzung gegeben. Sie habe nicht auf ihren Mann eingestochen“. Über die Diskrepanz zwischen den objektiven Tatort-Befunden und ihren eigenen Angaben „war mit ihr nicht zu reden“, sagte Winckler.

Während die Angeklagte „ihr Trinkverhalten als betont normal geschildert habe“, hegte der Gutachter daran gewisse Zweifel. Wie der überdurchschnittlich rasche Abbau der Blutalkoholwerte zeige, sei die Frau an Alkohol gewöhnt gewesen. Zudem hätten Zeugen am gesamten Tattag bei der Angeklagten keinerlei Ausfallerscheinungen feststellen können. Sie könne ihren Alkoholkonsum noch eigenverantwortlich steuern, so Winckler.

An früheren aggressiven Übergriffen auf ihren Mann habe die 27-Jährige allein den Schlag mit einem Kerzenleuchter eingeräumt, von dem auch die Mutter des Getöteten vor Gericht berichtet hatte. Über den Besuch der Narrenzunft Sulzau in Göttelfingen, bei dem sie sich über Stunden nicht beruhigen ließ, soll die Angeklagte geäußert haben: Sie habe ihren Mann ganz gewiss nicht gebissen oder gekratzt, „sie sei doch kein Psycho“, berichtete Winckler. Für die Augenverletzungen ihres Mannes habe sie keine Erklärung gegeben.

Der Psychiater gewann den Eindruck, „dass sich die Angeklagte vehement an ein Wunschdenken klammert“. Während Zeugen vielfach bestätigten, „dass das keine harmonische Ehe mehr gewesen ist“, habe die 27-Jährige darauf beharrt, sie und ihr Mann hätten immer zueinandergestanden und nie an Trennung oder Scheidung gedacht. Dieses Ausweich-Verhalten müsse sie in einer Therapie aufarbeiten. Am Freitag, 26. Oktober, folgen die Plädoyers. Das Urteil wird für Montag, 29. Oktober, erwartet.

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24.10.2012, 12:00 Uhr

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