Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Nach Alternativen suchen

Über die schwierigen aber wichtigen Abwägungen bei Tierversuchen

Tübingen. Als Philosoph unternehme ich keinerlei Tierversuche. Ich überlege jedoch, welchen Schutz Tiere verdienen und welchen Kriterien etwaige Tierversuche sich unterwerfen müssen. Schon der Umstand, dass das europäische Recht das Tier als Sache behandelt, ist manchem Tierschützer ein Ärgernis.

26.09.2014
  • Prof. Otfried Höffe

Rundweg inhuman ist es aber kaum. Denn bei Tieren sollte erlaubt sein, was sich beim Menschen grundsätzlich verbietet. Ob Nutztiere oder Haustiere – man darf sie kaufen, verkaufen oder verleihen, ferner darf man sie vererben oder verschenken.

Über die schwierigen aber wichtigen Abwägungen bei Tierversuchen
Otfried Höffe: „Philosophen führen durchaus Versuche durch, aber lediglich in Gedanken, die allerdings folgenreich sein können.“

Hingegen ist nicht erlaubt, Tiere wie ein rechtloses Objekt zu behandeln. Insbesondere ist auf ihre Schmerz- und Angstfähigkeit Rücksicht zu nehmen. Erkenntnistheoretisch gesehen kann man sich in Tiere nicht hineinversetzen. Trotzdem gibt es hinreichend objektive Äußerungen. Bei Schmerzen pressen Tiere ähnlich wie Menschen die Zähne zusammen, bei Verlust ihres Partners reagieren Graugänse wie tieftraurige Menschen. Und genau darauf kommt es an, auf die Schmerz- und Angstfähigkeit. Ihretwegen sind Drosophila-Fliegen anders als Hunde, Katzen oder Primaten zu behandeln.

Konzentrieren wir uns auf wissenschaftliche Versuche an schmerz- und angstfähigen Tieren: Zweifellos unzulässig sind Versuche, die, von Forschern zu geringer Qualifikation durchgeführt, kaum einen Forschungsertrag erbringen. Nicht minder unzulässig sind Forschungen, die nicht veröffentlicht werden, daher unnötige Wiederholungen nach sich ziehen, weiterhin die vielen Wiederholungsversuche, die mangels Datenbanken oder ohne hinreichende Überlegungen von alternativen Methoden zustande kommen. Die gründliche Suche nach Alternativen zu Tierversuchen ist dringend geboten. Nicht zuletzt ist der „administrative Tierverschleiß“ ein Ärgernis, den Gesetzgeber nicht selten aus protektionistischen Gründen verlangen.

Tierversuche werden außer zu veterinärmedizinischen Zwecken, die man nicht vergessen darf, auch im Blick auf die Diagnose und Therapie zahlreicher menschlicher Krankheiten entwickelt. Hier ist eine fraglos schwierige Güterabwägung zwischen Tierschutz und den Interessen des Menschen an seiner Gesundheit vorzunehmen. Da die menschliche Gesundheit dem Versuchstier nicht zugute kommt, könnte man sie vollständig zurückstellen.

Dagegen spricht folgendes Gedankenexperiment. Denn Philosophen führen durchaus Versuche durch, aber lediglich in Gedanken, die allerdings folgenreich sein können. Man überlege sich: Will ich für mich selber, auch für meine Familie, zumal für nicht urteilsfähige Kinder im Fall einer Krankheit, alle Diagnose- und Therapiemöglichkeiten verweigern, zu deren Entwicklung auch gewisse Tierversuche gehörten? Der entsprechende Entschluss wäre gravierend. Denn Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten wie Pocken und Kinderlähmung, Arzneimittel gegen Bluthochdruck und Zuckerkrankheit oder technische Apparate wie die Defibrillatoren beruhen auf Tierversuchen. Und selbst wenn ich für mich und meine Angehörigen diese und viele weitere Diagnose- und Therapiemöglichkeiten ablehne, will ich sie auch für andere Menschen verbieten? Soll es keinerlei Tierversuche geben, die zur Bekämpfung von Ebola, HIV und verschiedenen Krebskrankheiten vorgenommen werden? Weiterhin: Will ich auf deren Verbot nicht bloß in unserem Land hinwirken, in dem eines der strengsten Tierschutzgesetze der Welt herrscht, sondern will ich mich ernsthaft für weltweit geltende Verbote einsetzen?

Wer daher gewisse Versuche im Dienst der menschlichen Gesundheit doch zulassen will, darf den Tierschutz darüber nicht vergessen. Dieser verlangt als erstes: Solange man Tierversuche noch durchführt, die ein hohes Maß an Schmerzen und Leid zufügen, müssen sie den Charakter einer Ausnahme behalten und sich aus diesem Grund einer dreifachen Einschränkung unterwerfen: Wo immer möglich, sind die Versuche zu vermeiden; wo sie als unumgänglich erscheinen, ist die Zahl der Versuchstiere zu vermindern, und das Experiment ist so zu verfeinern, dass die körperliche und psychische Belastung des Tieres minimal bleibt.

Schließlich ist Unparteilichkeit geboten. Wer - zu recht (!) - wissenschaftliche Tierversuche strengen Kriterien unterwirft, muss dieselbe Strenge für die Tierhaltung und die Tiertransporte einfordern. Dass der Protest gegen die eine Seite sich leichter mobilisieren lässt als gegen die andere Seite, rechtfertigt keine parteiliche Selektion.

Zur Person: Prof. Otfried Höffe, Philosophisches Seminar der Universität Tübingen

Siehe auch Tübingen : Tierversuchsgegner distanzieren sich von Anfeindungen gegen Forscher 07.05.2015 Hunderte Wissenschaftler haben schon unterzeichnet : Internetaufruf: Solidarität mit Hirnforscher Logothetis 07.05.2015 Tübingen : Wissenschaftler stellen sich hinter Hirnforscher 06.05.2015 Kein Ende der Versuche: Affenversuche könnten nach 2019 weitergehen / Max-Planck-Institut stoppt Umbau 06.05.2015 Tübingen: Versuche an Affen sind weiter möglich 06.05.2015 Kommentar · Tierversuche: Von Primaten und Formaten 05.05.2015 Stuttgart: Ministerin Bauer: Tierversuche weiter nötig 05.05.2015 München/Tübingen: Max-Planck-Gesellschaft will an Affenversuchen festhalten 04.05.2015 Tübinger Forscher stellen Affenversuche ein: Künftig Experimente nur noch mit Nagetieren - OB Palmer bedauert Entscheidung 04.05.2015 Hirnforscher Nikos Logothetis beendet seine Arbeit mit Affen: Max-Planck-Direktor will nur noch Versuche mit Nagetieren machen 01.05.2015 Soko Tierschutz: Material wurde anonym zugespielt: Weitere Bilder zu Affenversuchen veröffentlicht 17.12.2014 Tübingen : Behörde: Ergebnisse zu Affenversuchen erst im Januar 16.12.2014 Umschauen verboten: Gegen Drohnen und Tierversuche - 30 Teilnehmer bei Demonstration vor dem MPI 05.10.2014 Kriterien für Tierversuche: Kuratorium des Max-Planck-Instituts nennt Bedingungen und verteidigt Forscher 04.10.2014 Selten so schockiert: Primatenforscherin Goodall zu MPI-Experimenten 29.09.2014 Tübingen : Behörden prüfen Stellungnahme zu Tierversuchen am Max-Planck-Institut 24.09.2014 Krähe mit Steckdose: Tierschützer kritisieren Forschung an der Uni 24.09.2014 Schockierende Bilder: Palmer gab im Gemeinderat eine Stellungnahme zu den Affenversuchen ab 24.09.2014 Polizei sucht den Täter: Steinwurf auf Palmer bei Tübinger Demo gegen Tierversuche 22.09.2014 Sirenengeheul gegen Affenversuche: Tierschützer mobilisierten 1000 Teilnehmer für Demo - Auch Tübinger Grüne protestierten mit 21.09.2014 Kommentar Demo: Aggressionen schaden dem Tierschutz 21.09.2014 Stein trifft Palmer: Tierschützer bedrohen OB und MPI 21.09.2014 Laut Polizei nur Verkehrsbehinderungen bei Tierschützer-Demo - OB berichtet von Steinewerfer: Bis zu 1200 Teilnehmer bei der Kundgebung gegen Tierversuche 20.09.2014 Tierschützer bemängeln die Aufklärung: Stratmann und Palmer weisen Vorwürfe zurück / Bericht soll bald ans Regierungspräsidium gehen 19.09.2014 Kommentar Tierversuche: Normalzustand: Implantat im Kopf 20.09.2014 Konstanzer Professor im Interview zu den Tübinger Tierversuchen: Schluss mit der Augenwischerei 19.09.2014 Umstrittene Affenversuche: Tübinger Max-Planck-Institut beantragt vorerst keine Primaten-Experimente mehr 19.09.2014 Viel Augenwischerei: Der Biologe Marcel Leist zur Debatte um Affenversuche 19.09.2014 Keine neuen Versuche am Tübinger Max-Planck-Institut: Erste Folgen der Debatte um Forschung an Affen 18.09.2014 Kurzfristige Kontrolle: Debatte um MPI-Versuchsaffen geht weiter 18.09.2014 Keine Hinweise auf Verstöße: Stefan Treue zur Situation der Versuchstiere am Max-Planck-Institut 17.09.2014 Gutachter soll Vorwürfe gegen Max-Planck-Institut für Kybernetik klären: OB Palmer in der Kritik bei der Tierversuchs-Debatte 15.09.2014 Regierungspräsidium fordert Auskunft über Affenversuche: Fragenkatalog ans Max-Planck-Institut geschickt 15.09.2014 Viele Fragen zu Affen-Versuchen: Regierungspräsidium lud Max-Planck-Institut zum Gespräch 13.09.2014 Grüne stellen Tübinger Affenversuche grundsätzlich infrage: Parteivorsitzende fordert Aufklärung vom Max-Planck-Institut 12.09.2014 Versuchstiere gefilmt: Tierschützer schleuste sich im Tübinger Max-Planck-Institut ein 11.09.2014 Hochschule erntet Kritik: Uni Hohenheim will zwei neue Labore für Tierversuche bauen 11.08.2014 Stuttgart: Neun Prozent weniger Tierversuche 09.08.2014 Stuttgart : Seit 2011 gut 15 Prozent weniger Tierversuche im Land 07.08.2014 Enormer Aufwand: Haller-Haid: Tierversuche sind notwendig 13.02.2014 Sind Tübinger Tierversuche unerlässlich? : Grüne fordern eine strengere Prüfung der Affenversuche 11.02.2014 Kommentar: Troia und der Streit um Tierversuche 12.02.2014 Forschen mit weniger Qual: Wissenschaftler sucht Alternativen zu Tests mit lebenden Tieren 04.02.2014 Tierrechte vor Wissenschaft: 200 Tierschützer demonstrierten gegen Affenversuche 06.05.2013

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball