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Flüchtlinge - Kann Tübingen auch mehr?

Über eine Erstaufnahmestelle hinaus die Integrationskraft nutzen

Tübingen ist als eine der vier ersten Anlaufstellen und als vorübergehendes Asyl für 700 Flüchtlinge im Gespräch. Die Stadt, so die Einschätzung der von uns Befragten, ist für einen solchen Akt der Humanität besonders geeignet.

17.09.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Viele haben die Bilder einer völlig überfüllten Landesaufnahmestelle in Karlsruhe oder des Notquartiers in Bruchsal im Kopf. Traumatisierten Männern, Frauen und Kindern aus Bürgerkriegsgebieten stehen hier gerade mal Pritschen zur Verfügung. Dass es so nicht weitergehen kann, erscheint nach Regeln der Mitmenschlichkeit geboten. Dass die SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid hinter den gestern veröffentlichten Plänen der Landesregierung steht, bis 2016 drei weitere Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge einzurichten, ist wenig erstaunlich. „Tübingen“, sagt Haller-Haid, „ist ein guter Platz dafür.“ Einmal wegen der guten medizinischen Versorgung und zum anderen wegen des sozialen Klimas.

Über eine Erstaufnahmestelle hinaus die Integrationskraft nutzen
Auf solchen Booten kommen die Flüchtlinge nach Italien. Wer diese Fahrt überlebt, braucht dringend Hilfe in Europa – auch in Deutschland. Archivbild: dpa

Die von der Landesregierung anvisierten Standorte sind jedoch noch nicht beschlossen, und es werde auch nicht „über die Köpfe der Bürger entschieden“. Für Haller-Haid ist dennoch klar: „Es wäre ein Fehler, wenn man es ablehnen würde.“ Über alle humanitären Gebote hinaus bringe eine solche Unterkunft, von der aus die Flüchtlinge an die Landkreise weitervermittelt werden, auch finanzielle Vorteile. „Das Land übernimmt die Kosten und die Kommunen mit Erstaufnahmestelle müssen keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen.“ Das wiederum entlaste den Tübinger Wohnungsmarkt, so Haller-Haid, auf dem ohnehin nur wenige günstige Wohnungen verfügbar sind. Tübingen hätte also „nur Vorteile“, wenn die Aufnahmestelle hier angesiedelt würde. Ob auch alternative landeseigene Grundstücke vor Ort geprüft werden, darüber ist Haller-Haid nicht informiert.

Landtagsdirektor Hubert Wicker (CDU) hegt als frisch gebackener Tübinger Stadt- und Kreisrat ebenfalls keinen Zweifel an der Notwendigkeit, mehr Flüchtlinge im Land aufzunehmen. Irgendwo müssten die Menschen eben hin und zwar irgendwohin, wo sie auch „anständig versorgt“ werden und ein soziales Klima antreffen. „Ich war immer ein Gegner des Florian-Prinzips“, sagt der ehemalige Tübinger Regierungspräsident – also kein Freund von: Sollen sich doch andere drum kümmern. Sein klares Wort zur Erstaufnahmestelle in Tübingen: „Was soll man dagegen haben?“

„Es besteht rascher Handlungsbedarf“, darin ist sich auch SPD-Stadtrat Martin Sökler angesichts der humanitären Katastrophe sicher. Dass man keine entlegene Kaserne, sondern eine Stadt als erste Auffangstation wählt, erscheint ihm nur sinnvoll. Auch Tübingens medizinische Infrastruktur werde „locker“, so der Klinikarzt, „mit 700 weiteren Bewohnern fertig“. Sökler erinnert außerdem an einen Beschluss des Gemeinderates, dass Tübingen über sein Pflichtquorum hinaus Flüchtlinge aufnehmen will. Bedingung ist allerdings, dass diese Bereitschaft nicht zur Entlastung anderer Kommunen eingesetzt, sondern dadurch die Zahl der Aufgenommenen insgesamt erhöht werde.

Fragwürdiges System des Herauskaufens

Die gewachsenen Strukturen der lokalen Asyl-Freundeskreise sollten weiterhin genutzt werden, findet Sökler und kann sich gut vorstellen, dass Tübingen in Zukunft Flüchtlinge nicht nur übergangsweise aufnimmt, sondern ihnen auch dauerhaften Platz und Wohnraum bietet.

Für die evangelische Dekanin Elisabeth Hege ist die Entscheidung der Landesregierung gut nachvollziehbar: „Es gibt wenige Orte im Land, in denen es eine solche Bereitschaft zur Aufnahme gibt wie hier.“ Wenn Tübingen jedoch allein für die Erstunterbringung der Asylsuchenden zuständig wäre, dann ginge, so die Dekanin, der Stadt das über lange Jahre erarbeitete Know-how verloren, das die kirchlichen und nicht-kirchlichen Asylgruppen entwickelt haben. „Tübingen ist eine Stadt der Integration mit längerem Atem.“ Um die gewachsenen Strukturen der Asylarbeit wäre es schade.

Andreas Linder, Geschäftsführer beim Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, zeigt sich von den Landesplänen überrascht. Er hält Tübingen aber für einen geeigneten Ort. „Hier gäbe es die nötigen Behörden, die sozialen Einrichtungen und die nötige Offenheit.“ Fragwürdig findet er das System der Erstaufnahme, mit dem sich Städte sozusagen aus der Pflicht, Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen, herauskaufen können. Die Erstaufnahme bedinge zwar auch ein hohes Maß an Versorgung und Sozialbetreuung, aber Tübingen könne Flüchtlinge ebenso langfristig integrieren. Die Nähe zum Eco-City-Viertel hält Linder für kein Argument gegen die Auffangstelle. Man könne eine solche Nachbarschaft durchaus verträglich gestalten.

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17.09.2014, 12:00 Uhr

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