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Kommentar

Überfälliger Kurswechsel

Selbst überzeugte Pazifisten gestehen Mordgelüste angesichts von Stadttauben und unterhalten sich über die effektivste oder auch brutalste Methode, den schillernden Vögeln den Garaus zu machen: Schleudern, Pumpguns, Schrotflinten, Gift sind nur einige der Vorschläge. Moderatere Zeitgenossen nennen die „tierschutzgerechte Tötung“ – was bei Abermillionen Grillhähnchen möglich sei, müsse doch auch bei Tauben machbar sein. Die Viecher auch noch zu füttern, halten die meisten Teilnehmer einer nicht repräsentativen Umfrage im Kollegenkreis für – sehr milde ausgedrückt – schlecht. Woher kommt diese Vernichtungslust?

14.07.2012
  • sabine lohr

Jemand hat Tauben vor langer Zeit mal als die „Ratten der Lüfte“ bezeichnet – und damit den verdient schlechten Ruf der Tiere gefestigt. Stadttauben – jedenfalls in Massen – sind eine Gefahr, das haben sie sogar amtlich: Der hessische Verwaltungsgerichtshof bezeichnet sie als „Schädlinge“ und begründet das mit den „erheblichen Schäden an Gebäuden, die durch Taubenkot verursacht werden“, und mit den Krankheitserregern, die Tauben auf Menschen übertragen können.

Nach dem Tierschutzgesetz dürfen keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. Einen vernünftigen Grund sieht der Verwaltungsgerichtshof bereits in abstrakten Gesundheitsgefährdungen und beruft sich dabei auf das Bundesverwaltungsgericht. Damit und mit der Einstufung von Tauben als Schädlinge ist ein vernünftiger Grund zur Tötung dieser Vögel gegeben.

Die Fachleute, die bei der Stadt Tübingen schriftlich um Stellungnahme gebeten wurden, führen noch ein weiters Argument an: Durch die vermehrte Population der Tauben hätten sich auch die artenschutzrechtlichen Probleme verschärft. Die Schutzmaßnahmen gegen Taubendreck nämlich, die Bürger an ihren Häusern angebracht haben, vermasseln auch streng geschützten Arten das Ausruhen und Fortpflanzen. Turmfalken, Schleiereulen, Dohlen und vor allem Fledermäuse finden immer weniger Schlupflöcher.

Der Taubenbestand also muss verringert werden. Und soll es auch: Die Stadt folgt nun dem von den Fachleuten vorgeschlagenen Konzept, reduziert die Taubenfütterung drastisch und ersetzt gleichzeitig weiterhin die Eier durch Gipseier. Das hat die Stadt Basel auch gemacht, und zwar mit Erfolg. Mit dem vielgelobten „Basler Konzept“, dem Tübingen nun folgt, wurde in der Schweizer Stadt innerhalb von vier Jahren der Taubenbestand um die Hälfte reduziert. Das wird in Tübingen nicht gelingen. Denn der Erfolg in Basel gründet auch auf die gern und oft verschwiegene Tatsache, dass dort jedes Jahr rund 20 Prozent der Tauben abgefangen und getötet werden.

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14.07.2012, 12:00 Uhr

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