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Prozess kurz vor der Verjährung der Tat

Überfall auf Genkinger Bäckerei 1996: Geld für Drogen erbeutet

Fast 19 Jahre nach seinem Raubüberfall auf eine Bäckerei in Genkingen muss sich ein 52-jähriger Italiener vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Die Polizei nahm ihn fest, als er sich Ende Januar auf dem Einwohnermeldeamt Reutlingen registrieren lassen wollte.

20.07.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen / Genkingen. Der Angeklagte war August 1996 mit einem Komplizen in die Genkinger Bäckerei eingedrungen, weshalb ihm gemeinschaftlicher schwerer Raub angelastet wird. Der 52-Jährige räumte die Tatvorwürfe ein – auch um der Bäckerei-Angestellten, die bei dem Überfall stark traumatisiert wurde, einen neuerlichen Auftritt vor Gericht zu ersparen.

Zur Tatzeit waren beide Männer heroinabhängig und wollten sich Geld für einen Drogenkauf beschaffen. Bitter für den Angeklagten: Die Sache wäre Mitte August 2016 verjährt gewesen.

Am frühen Abend des 16. August 1996 fuhr das Duo im Auto des anderen Mannes zunächst ziellos durch die Gegend. Dieser hatte die Idee, ein Geschäft zu überfallen, um an Geld zu kommen, heißt es in der Anklageschrift. Kurz vor 18 Uhr fuhren die beiden durch Genkingen, wo dem Wagenlenker die Bäckerei auffiel. Sie gingen in das Geschäft, wo der Angeklagte ein Klappmesser mit einer Klingenlänge von zwölf bis 15 Zentimetern zog, mit dem er eine der beiden Angestellten bedrohte. Er hielt das Messer gegen die Brust der Frau und wies sie an, sich auf den Boden zu legen.

Sie litt Todesangst, hatte in der Folge massive Schlafstörungen und musste die Arbeitsstelle wechseln. Als sie erfuhr, dass das Gerichtsverfahren ansteht, belastete sie das erneut sehr stark: „Sie ist im Krankenstand“, sagte ihre Rechtsanwältin Andrea Sautter.

Die zweite Angestellte konnte flüchten. Als der Mittäter die Kasse öffnete, trafen zwei Söhne der Betreiberfamilie ein. Als einer von ihnen den Mann an der Kasse festhalten wollte, soll auch er vom Angeklagten mit dem Messer bedroht worden sein.

Das Duo konnte mit der Beute, damals 400 Mark, flüchten. Sie fuhren zurück nach Reutlingen und beschafften sich Drogen. Kurz darauf flüchteten beide nach Italien.

Der zweite Mann stellte sich bald darauf und wurde bereits 1997 vom Landgericht Tübingen wegen gemeinschaftlichen schweren Raubs zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er lebt als Handwerker in einer Reutlinger Kreisgemeinde. Der Angeklagte ist ausgebildeter Musiker und Grundschullehrer. Als er seine Stelle als Theatermusiker in Italien verlor, kam er mit seiner Frau und dem neugeborenen Sohn 1991 nach Deutschland. Er hatte eine Stelle in einer Reutlinger Firma, wurde aber 1994 entlassen und verfiel in eine tiefe Depression. Er begann, Heroin zu spritzen. „Die Drogen waren für mich wie Medizin gegen Depressionen“, so der Angeklagte. Zwei Jahre später ging es ihm noch schlechter: Seine Mutter hatte Krebs im Endstadium. „Der August 1996 war die schlimmste Zeit für mich.“ Zuletzt arbeitete der Mann als Animateur in einem Ferienlager und als Musiker bei privaten Festlichkeiten.

Seine Ehe wurde 2005 geschieden. Seither lebt er allein. Zuletzt hatte er ein Ladegerät für Batterien entwickelt, das er als Patent schützen ließ. Um diese Technik zu vermarkten, war er aus Italien nach Reutlingen zurückgekommen. Als er am 29. Januar im dortigen Einwohnermeldeamt auftauchte, kam die Polizei.

Die Beamten waren wohl ebenso überrascht wie das Gericht, als plötzlich die Geister der Vergangenheit wieder auftauchten, vermutete der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski: „Es war ein Fall, der schon lange ruhte.“ Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt.

Info Vorsitzender Richter: Ulrich Polachowski, Beisitzerin: Anke Droege; Schöffen: Ulrike Kiefer, Jürgen Rohleder. Staatsanwalt: Burkhard Werner. Nebenklage: Andrea Sautter. Verteidiger. Steffen Kazmaier.

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20.07.2015, 12:00 Uhr

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