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Übers Wochenende hat das Tübinger Modehaus seine kompletten Rolltreppen ausgetauscht
Eine logistische Meisterleistung: Operation am offenen Zinser-Herzen

Übers Wochenende hat das Tübinger Modehaus seine kompletten Rolltreppen ausgetauscht

Millimeterarbeit mit tonnenschwerer Last: Sieben alte Rolltreppen hat das Tübinger Modehaus Zinser am Wochenende durch sechs neue ersetzt.

10.08.2015
  • Matthias Reichert

Tübingen. Samstag, 20.30 Uhr, anderthalb Stunden nach Ladenschluss beim Tübinger Modehaus Zinser. Die Textilien sind für den Transport aus dem Weg geräumt. Die fünf Tonnen schwere und 14 Meter lange Rolltreppe schwebt über dem Abgrund. Oben halten sie Stahlseile, hinten zieht ein Gabelstapler. Auf zwei sogenannten „Panzerrollen“ – jede trägt bis zu sechs Tonnen – wird sie fast geräuschlos zum Eingang geschoben, haarscharf am dicken Pfeiler in der Mitte vorbei. Millimeterarbeit!

20 Arbeiter ackern im Zweischichtbetrieb. Die 1912 gegründete Berliner Spezialfirma Stoppel baut jede Woche vier solche Anlagen aus und ein. Präzise Rufe ertönen, jeder Handgriff sitzt. „Das sieht schwierig aus, aber für uns ist das Routine“, sagt Monteur Heiko Schahin. Die Arbeiter haben extra ein Schaufenster an der Friedrichstraße ausgebaut. Draußen warten nun zwei Spezialstapler, je 13 Tonnen schwer. Sie packen die Treppen und ziehen sie nach draußen. „Super, einwandfrei“, freut sich der zuschauende Tübinger Zinser-Chef Stefan Rinderknecht über den reibungslosen Ablauf.

Drei Wochen Vorarbeit bei laufendem Betrieb

In der Nacht auf Sonntag werden die alten Treppen ausgebaut, am Sonntag die neuen eingesetzt. Der Einbau dauert länger, weil die Arbeiter die nagelneuen Treppen natürlich mit Samthandschuhen anfassen müssen, damit sie keine Kratzer bekommen. Die alten Treppen stammen noch aus der Zeit des Hausneubaus 1976. Sie fraßen zu viel Strom, außerdem wurde es immer schwieriger, Ersatzteile zu beschaffen. Die neuen Rolltreppen kommen nun vom nordrhein-westfälischen Hersteller Kone.

Künftig sind es nur noch sechs Rolltreppen – vom Erd- ins Untergeschoss hinunter gibt es nur noch eine statt bisher zwei. Dafür sind die neuen Treppen 20 Zentimeter breiter, einen Meter messen sie jetzt. Die Fußgänger-Treppen sind ersatzlos weggekommen – der „Treppenauge“ genannte Schacht soll lichter werden.

Die Vorarbeiten für die Treppenauswechslung haben rund drei Wochen gedauert. Im Untergeschoss haben sich Bohrer in dem 1,50 Meter tiefen Beton gefressen, um eine Ausschachtung für eine neue Rolltreppe zu graben. Und das bei laufendem Betrieb im Modehaus – die Baugrube unten war mit einem Verschlag „eingehaust“, damit es nicht staubte.

Der Ausbau schreitet voran. Gegen Mitternacht kommt der erste von einem Dutzend Tiefladern mit einer neuen Rolltreppe im Laderaum. Das Fahrzeug wird geöffnet, der Stapler packt die Treppe, der Lastwagen fährt langsam vor – so wird das schwere Stück langsam ausgeladen und entsprechend die alte Treppe in den Laster bugsiert.

Stahlträger durchs Dachfenster gehievt

Am frühen Sonntagmorgen ist das „Treppenauge“ völlig ausgebeint. Eine „Operation am offenen Herzen“,wie Rinderknecht bestätigt. Am Sonntagvormittag ist die erste neue Treppe eingebaut. Die zweite steht am Treppenschacht bereit. Stahlseile halten sie von oben. Woran hängen die? Unterm Dach stehen in 16 Metern Höhe auf beiden Seiten des „Treppenauges“ Gerüste, die zwei knapp 20 Meter lange Stahlträger halten.

Die Träger wurden bei Nacht aufwändig per Baukran durchs Hinterhof-Fenster hereingehievt. Sie werden nun auf den Gerüsten über dem Treppenhaus hin- und hergeschoben – je nachdem, wo die auszuwechselnde Treppe hängt, links oder rechts. Die Arbeiter hämmern an der neuen Rolltreppe und befestigen Bleche. Dann wird die Treppe an die Stahlseile gehängt. Der Stapler schiebt sie an – und zentimeterweise schiebt sich das tonnenschwere Stück über den Abgrund, bis es in der gewünschten Position verharrt.

„Präzisionsarbeit mit Schwerlast – faszinierend“, staunt der Zinser-Chef. Am heutigen Montag bleibt das Geschäft geschlossen. Denn bevor die neuen Treppen in Betrieb gehen, muss der TÜV sie abnehmen. Rinderknecht: „Wir hätten gerne geöffnet – aber die Sicherheit unserer Kunden geht vor.“

Übers Wochenende hat das Tübinger Modehaus seine kompletten Rolltreppen ausgetauscht
Mit Plastikfolien gegen Staub geschützt, werden die alten Rolltreppen nacheinander an Stahlseilen herausgehievt – bis der Treppenschacht sonntagfrüh leer ist und die neuen Treppen sukzessive eingesetzt werden. Bilder: Metz

Übers Wochenende hat das Tübinger Modehaus seine kompletten Rolltreppen ausgetauscht

An die zehn Millionen Euro steckt Zinser, wie berichtet, in die Erneuerung seines Tübinger Hauptsitzes. Im März war der Baubeginn, bis Herbst 2016 soll alles fertig sein. Die Arbeiten sind „sauber im Zeitplan“, sagt der Tübinger Chef Stefan Rinderknecht. Der Erweiterungsneubau, den Zinser gemeinsam mit Nachbar Intersport Räpple nutzen wird, ist bis zum ersten Stock hinaufgewachsen, demnächst wird die Geschossdecke betoniert. Derzeit wird auch der Steg saniert, der über die Friedrichstraße zum Drogeriemarkt Müller führt. „Wir nutzen dafür die Straßensperrung aus“, sagt Ober-Bauleiter Bernhard Müller vom Metzinger Generalunternehmer Brodbeck. Bis Mitte September kriegt der Steg nun eine neue Wärmedämmung und Wärmeschutzfenster; er soll auch lichter werden. Im Oktober zieht dann die Abteilung im Zinser- Untergeschoss für zwölf Wochen in den Neubau hinüber, unten im Altbau beginnt dann der Innenausbau. Die übrigen Etagen folgen nach dem gleichen Schema sukzessive.

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10.08.2015, 12:00 Uhr

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