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Bei Nebel den Augen trauen

Überschätztes Fahrtempo - ein Fall für die Wahrnehmungsforschung

Bei Nebel fahren Autofahrer zu schnell, obwohl es ihnen langsam vorkommt: Eine verbreitete Annahme, die nun jedoch vom Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik widerlegt wurde.

05.11.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Die Forscher um Paolo Pretto fanden mit experimentellen Fahrsimulationen heraus, dass Autofahrer bei verminderten Kontrasten in der Umgebung ihre Geschwindigkeit eher über- als unterschätzen. Weniger Kontraste, das passiert bei Nebel für entferntere Ziele oder Gegenstände. Im Unterschied dazu wird etwa bei einer beschlagenen Windschutzscheibe die Sicht gleichmäßig beeinträchtigt. Konsequenz: Die Autofahrer meinten in diesem Fall, sie würden langsamer fahren als ihr Tacho anzeigte, sie unterschätzten ihre Geschwindigkeit. Ja, sie fuhren bei gleichmäßiger Kontrastreduktion sogar mit höherer Durchschnittsgeschwindigkeit als in den Vergleichssituationen: 85 Kilometer pro Stunde bei guter Sicht, 70 bei Nebel, aber 100 bei gleichmäßiger Kontrastreduktion.

Die Tübinger Wissenschaftler entwickelten aufgrund ihrer empirischen Befunde eine neue Theorie der Geschwindigkeitswahrnehmung: Im zentralen Blickfeld, wo weit entfernte Gegenstände wahrgenommen werden, wird das eigene Tempo bei deutlich verminderter Sicht als relativ langsam wahrgenommen; im peripheren Sichtfeld, das sich auf die nähere Umgebung bezieht, dagegen als schnell. Das periphere Sichtfeld wirkt bei Nebel gewissermaßen korrigierend auf das tatsächliche Tempo.

Zum Beweis ihrer Theorie ergänzten die Forscher ihre Versuchsreihen „gute Sicht“ und „Nebel“ um eine weitere: den „Anti-Nebel“. Dabei wurde die Sicht im unmittelbaren Umfeld künstlich verschlechtert, in der Entfernung jedoch immer besser. Tatsächlich trat ein, was die Wissenschaftler vorhergesagt hatten: Die Testpersonen fuhren schneller als sie dachten.

Ergebnis: Die Wahrnehmung der Geschwindigkeit ist unabhängig davon, wie viel man tatsächlich und objektiv sieht. Sie ändert sich nur, wenn die Sichtverhältnisse innerhalb des menschlichen Blickfelds unterschiedlich sind. Wenn das Sehsystem dem Gehirn bei Nebel also signalisiert, dass man im Auto zu schnell fährt, sollte man als Fahrer ruhig seinen „Augen“ trauen und die Geschwindigkeit reduzieren.

Überschätztes Fahrtempo - ein Fall für die Wahrnehmungsforschung
Die Projektion im Fahrsimulator des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik füllt das gesamte menschliche Sichtfeld aus. Sie erzeugt damit aus dem Blickwinkel des Fahrers eine realistische Situation. Die Sicht kann graduell in verschiedenen Sichtfeldern künstlich variiert werden. Bild: Max-Planck-Institut

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05.11.2012, 12:00 Uhr

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