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"Handwerker des Schreibens"

Übersetzer Frank Günther über die zeitlose Aktualität des großen Dramatikers

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare. Aber natürlich ist er unsterblich. Heute würde er wohl "Game of Thrones" schreiben. Das sagt einer der besten Kenner des Dramatikers: der Übersetzer Frank Günther.

22.04.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Herr Günther, Sie über setzen seit vielen Jahren Shakespeares Dramen - sind Sie nun wie geplant fertig?

FRANK GÜNTHER: Naja, ich bin ein bisschen zu langsam, das allerletzte Stück ist in der Mache, ich werde eben älter und müder.

Um welches handelt es sich?

GÜNTHER: Es ist "Perikles", ein Stück, das ja nur zur Hälfte von Shakespeare stammt. Angefangen hat es der Zuhälter und Bordellbesitzer George Wilkins, mit dem Shakespeare eine Weile lang in Untermiete bei einer hugenottischen Familie lebte. Der hat die ersten zwei Akte verfasst, den Rest hat Shakespeare zuende gebracht. Das war das übliche Verfahren, wie Stücke in der elisabethanischen Zeit geschrieben wurden. Im Wesentlichen so wie Drehbücher von "Sturm der Liebe" und "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" heute in kleinen Teams entstehen. Wortfeld-Untersuchungen zeigen immer deutlicher, wie vertrackt der Prozess war, Shakespeares Texte finden sich in den Stücken anderer Autoren und umgekehrt. So hat er zum Beispiel einen Monolog für das nie aufgeführte Drama "Sir Thomas Morus" beigesteuert, um das Ding zu retten.

Worum dreht es sich da?

GÜNTHER: Darin wird die damalige Flüchtlingsfrage verhandelt. Zu Shakespeares Zeiten waren es die hugenottischen Flüchtlinge aus Flandern und Frankreich, die nach England flohen und sich dreist benahmen, woraufhin die Londoner ihnen die Häuser anzündeten. Shakespeare schrieb dem Humanisten Thomas Morus einen Monolog, in dem er die Londoner wegen ihres Verhaltens zusammenstaucht und sie fragt: "Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr mit euren Kindern an fremden Küsten. . .?"

Womit wir Shakespeares Haltung in der Flüchtlingsfrage kennen. . .?

GÜNTHER: Selbstverständlich nicht! Da würde man den Autor mit der Figur verwechseln. Shakespeare hat einem Humanisten einen Monolog geschrieben, in dem dieser seine Position vertritt, sodass sie nachvollziehbar wird. Genauso wie er dem Massenmörder Macbeth einen Monolog schrieb, in dem der erklärt, dass er jetzt ein bisschen morden muss. Shakespeare war ein Handwerker des Schreibens, der seinen Figuren zu ihrem Recht verhalf. Hätte er das Stück alleine verfasst, hätte er wahrscheinlich einen Londoner Bürger den gegenteiligen Text sprechen lassen. Das macht ihn als Dramatiker aus - dass er die Auslegung dem Zuschauer überlässt.

Erklärt das seine "Unsterblichkeit"?

GÜNTHER: Shakespeare hatte den richtigen Riecher, unsterblich zu werden, indem er möglichst kein konkretes Thema seiner Zeit 1:1 dargestellt hat. Wer sich allzusehr auf die eigenen Verhältnisse einlässt, über den geht die Zeit hinweg. Worüber sie nicht hinweggeht, sind diese merkwürdig standpunktlosen Stücke wie die Shakespeares, die das innere Maschinenwerk der Seele untersuchen. Die hat sich ja erstaunlich wenig verändert.

Gibt es nicht trotzdem historische Konjunkturen von Stücken?

GÜNTHER: Ja. Grundsätzlich werden heute so ungefähr sieben Stücke von Shakespeare aufgeführt. Mit "König Johann" oder "Heinrich VIII." dagegen kann man niemanden mehr hinterm Ofen vorlocken. Dabei war Heinrich VIII. eines der wichtigsten Dramen im 18. und 19. Jahrhundert, weil sich darin die Feudalgesellschaft wiederfand. In den letzten 80 Jahren ist es in Deutschland nicht mehr gezeigt worden. Mit dem Untergang des Adels ist auch dieses Drama untergegangen.

Und was interessiert uns heute?

GÜNTHER: Macht. Und in Zeiten, in denen alles gegendert wird, das Identitätsthema. Da sind Shakes-peares Rollen- und Wechselspielchen von besonderem Interesse.

Wo lebt Shakespeare in heutigen Wiedergeburten weiter?

GÜNTHER: In Serien wie "House of Cards" zum Beispiel, die auf "Richard III." und "Macbeth" basiert. Nicht umsonst hat Kevin Spacey vor der Serie den Richard gespielt. Die Durchbrechung der vierten Wand, mit der Protagonist Frank Underwood die Zuschauer zu Mitwissern seiner finsteren Machenschaften macht, ist von Shakespeare geliehen. Auch seine Ehe mit Claire ist ein Rückgriff auf Macbeth. Claire ist Chefin des Unternehmens "Clearwater" - und wir erinnern uns: Lady Macbeth bekommt ihre blutigen Hände nicht mehr sauber . . .

Würde Shakespeare heute Serien schreiben?

GÜNTHER: Anzunehmen. Er würde mehr verdienen, und die Kunst wäre ihm wahrscheinlich wurscht, wenn er als Autor für "Game of Thrones" arbeiten könnte. Obwohl - so kunstlos ist die Serie ja gar nicht, die ist sogar recht komplex. Schließlich besteht sie zu 50 Prozent aus Shakespeares Königsdramen.

Was machen Sie, wenn Sie fertig sind mit den Dramen?

GÜNTHER: Die Sonette stehen mir ja noch bevor, ich hab ihn also noch eine Weile lang im Genick. Und dann ist es auch mal gut, dann will ich alles lesen, was ich die letzten Jahre nicht lesen konnte. Haben Sie schon "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" durch?

Fast vollständig

40 Jahre Shakespeare Frank Günther, Jahrgang 1947, studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte. Er lebt in Rot an der Rot bei Biberach und übersetzt seit mehr als 40 Jahren William Shakespeares Werke. Die 21-bändige Shakespeare-Edition bei dtv mit allen großen Tragödien und Komödien ist abgeschlossen. Wenn Frank Günther alles geschafft hat, wird er der Erste sein, der als Einzelner das Gesamtwerk ins Deutsche übersetzt hat. Die Gesamtausgabe bei ars vivendi umfasst 39 Bände. „König Johann“ erscheint im Mai, es folgen noch „Perikles“, die Sonette und die nichtdramatischen Dichtungen.

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22.04.2016, 06:00 Uhr

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