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Gesundheit

Übersetzer in Weiß

Die medizinische Fachsprache ist für Laien schwer verständlich. Ein Projekt hilft weiter. Ehrenamtliche aus dem Land arbeiten bei „Was hab' ich?“ mit.

26.02.2019

Von DAVID NAU

Ulm. Epistaxis, Pleura- und Perikarderguss, Hämoglobin oder arterielle Hypertonie – die medizinische Fachsprache ist für Laien oft nur schwer zu entschlüsseln. Dann sind Patienten auf Ärzte angewiesen, die ihnen den Befund in einfacher Sprache erklären. Das ist durchaus möglich: Epistaxis ist zum Beispiel das Nasenbluten, unter einem Pleura- oder Perikarderguss versteht man eine Wasseransammlung um die Lunge oder das Herz herum, Hämoglobin nennt man die roten Blutkörperchen, die im Blut den Sauerstoff transportieren, und die arterielle Hypertonie heißt im Volksmund schlicht und einfach Bluthochdruck.

Dennoch haben Patienten oft nur wenig Chancen, die Arztbriefe, die sie nach einem Krankenhausaufenthalt bekommen, auch zu verstehen. Denn: „Ärzte schreiben die Briefe für andere Ärzte“, erklärt Kamilla Szabó. Die 27-Jährige studiert in Freiburg Medizin und engagiert sich seit drei Wochen für die Initiative „Was hab' Ich?“. Dort können Patienten ihre Arztbriefe und Befunde hochladen, die dann von ehrenamtlichen Medizinstudenten oder Ärzten in eine verständliche Sprache übersetzt werden. Dabei ersetzt Szabó alle Fachbegriffe durch einfachere Worte oder genauere Erklärungen (siehe Infokasten). Aber nicht nur das: „In unserem Alltag benutzen wir komplizierte Relativ-Konstruktionen oder Schachtelsätze – das versuche ich in den Übersetzungen zu vermeiden“, erklärt die Studentin. Um den Inhalt der Arztbriefe in möglichst einfacher Sprache zu erklären, verzichtet sie auch auf Worte, die in ihrem Wortschatz völlig normal sind. „Statt ,produzieren' schreibe ich dann ,herstellen'.“

Fast 40 000 Übersetzungen

Gegründet wurde die Inititative „Was hab' Ich?“ im Januar 2011 von drei Freunden in Dresden: Zwei Medizinstudenten und ein Informatiker. „Die Mediziner bekamen aus ihrem Bekanntenkreis häufig Arztbriefe vorgelegt, die sie erklären sollten“, berichtet Beatrice Brühlke, Sprecherin der Online-Plattform. „Sie dachten sich: Was machen eigentlich die Menschen, die keine Mediziner im Freundeskreis haben.“ Vier Tage später sei die Plattform online gegangen. Dass der Bedarf an medizinischer Übersetzungshilfe da ist, zeigen die Zahlen: Seit 2011 haben rund 1900 Ehrenamtliche knapp 40 000 Befunde, Arztbriefe und Laborberichte in einfache Sprache übersetzt. Allein in Baden-Württemberg engagieren sich 200 Ärzte und Medizinstudenten.

Eine der Ehrenamtlichen ist Britta Zecher. Die 26-Jährige hat ebenfalls in Freiburg Medizin studiert und ist inzwischen Ärztin. Sie hat bislang rund 200 Dokumente übersetzt und sich bereits im Studium viel mit der Kommunikation zwischen Arzt und Patient befasst. Zwar lerne man als Medizinstudent die Kommunikation mit Patienten, allerdings „zu wenig“. Und im Klinikalltag gehe der Blick für verständliche Sprache schnell verloren. Ärzte kommunizierten gerade mit ihren Kollegen viel in Fachsprache. „Da passiert es mal schnell, dass bei der Visite ein Fachbegriff verwendet wird“, sagt Zecher.

Sie selbst nimmt aus ihren Übersetzungs-Jobs viel für den Klinikalltag mit. Immer häufiger fällt ihr auf, wenn Kollegen unverständliche Begriffe verwenden. „Da geht bei mir im Kopf oft ein rotes Licht an und ich denke: Das hat der Patient jetzt bestimmt nicht verstanden.“ Manche Patienten würden dann auch nicht nachfragen, weil sie mitbekämen, wie groß der Zeitdruck von Ärzten und Pflegekräften ist.

Auf die übersetzten Arztbriefe können die Nutzer von „Was hab' Ich?“ den Ehrenamtlichen direkt Feedback geben. Britta Zecher gibt das einen großen Motivationsschub. „Ich bekomme häufig sehr schöne und persönliche Rückmeldungen“, sagt die Freiburger Ärztin.

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Erstellt:
26. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 06:00 Uhr

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