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Uhland-Absolventen bringen Partnerschafts-Ideen mit
Christian Haardt
Zurück in der alten Welt

Uhland-Absolventen bringen Partnerschafts-Ideen mit

In Villa El Salvador waren sie ein Jahr lang Botschafter Tübingens. Zurück am Neckar werden Christian Haardt und Daniel Wais Botschafter der südamerikanischen Großstadt sein. Ihr Soziales Jahr dort hat ihren Blick auf die Welt und auf das Leben verändert.

28.08.2010
  • Ute Kaiser

Tübingen. Die beiden Uhland-Abiturienten hatten sich vor der Abreise im vergangenen Jahr viel vorgenommen. Der 21-jährige Daniel Wais und der 20-jährige Christian Haardt wollten sich „neu entdecken“ (Haardt) und „in eine andere Gesellschaft eintauchen“ (Wais). Und sie wollten „junge Ideen“ in die mal mehr, mal weniger intensive Partnerschaft einbringen, so Haardt.

Vor allem an ihrem Einsatzort, dem „Colegio Fe y Alegria“, seit gut 18 Jahren Partnerschule des Tübinger Uhland-Gymnasiums (UG), ist ihnen das gelungen. Das zeigt der Film „Auf der Suche – Spuren und Visionen“, an dem das Duo mit Schüler(inne)n ein halbes Jahr lang gearbeitet hat. Er soll im Oktober in Tübingen zu sehen sein. Für das Großprojekt tauchte das Filmteam in die Geschichte der 39 Jahre jungen Stadt ein, sammelte Themen, suchte nach Gesprächspartnern und nach charakteristischen Orten.

Die Jugendlichen interviewten alte Menschen, die ihre entbehrungsreichen Anfänge in der Stadt im Wüstensand schilderten, sie sprachen unter anderem mit dem ehemaligen Bürgermeister Michel Azcueta, sie besuchten den Industriepark, die technische Universität und ein Stadtviertel, in dem besonders arme Familien leben. Dazwischen sind passende Szenen der Theatergruppe „Arena y Esteras“ („Sand und Strohmatten“), die bereits in Tübingen auftrat, geschnitten. Der Film der beiden Tübinger soll nichts beschönigen, „sondern zeigen, dass es neben Problemen auch Erfolge und Freude gibt“, sagt Haardt. Beispielsweise den Sieg der Tanzgruppe ihres Colegio bei einem Wettbewerb – mit einem traditionellen Tanz in historischen Kostümen. Und die Erwartungen der Jugendlichen an ihr Leben.

Sensibilisiert für Menschen und Politik

Das arbeitsreiche Jahr in der 400 000-Einwohner-Stadt im Süden der Hauptstadt Lima hat den Kusterdinger und den Tübinger geprägt. Haardt hätte einem „X“-Mitarbeiter fast mit dem spanischen Wort „gracias“ für die Portion Pommes gedankt. Wais will von Herbst an in Tübingen internationale Volkswirtschaft studieren – mit Schwerpunkt Nord- und Südamerika.

Beide sagen, dass der Freiwilligendienst sie sensibilisiert hat – für den Alltag der Menschen, für die Politik und für die Feinheiten der Sprache. Mit offenem Blick beobachteten sie beispielsweise, wie sich die Gesellschaft in der einst als Modell für Basisdemokratie, Selbstverwaltung und Solidarität gegründeten Stadt an der Pazifikküste ausdifferenziert. Es gibt, sagt Wais, heute deutliche Unterschiede zwischen dem Kleinunternehmer, der sich ein ordentliches Haus leisten kann, und den Neuzugezogenen oder den jungen Menschen der zweiten Generation, die in Blechhütten auf Hügeln an den Rändern der Großstadt leben.

Die Stadtverwaltung versucht, ihnen eine gewisse Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Sie will, dass alle Kinder in die Schule gehen. Und sie unterstützt Gruppen, die offene Jugendhäuser betreiben. Das politische Leben ist schon einige Zeit vom Wahlkampf geprägt. Womöglich muss sich Tübingen im Oktober auf einen neuen Ansprechpartner einstellen. Bürgermeister Jaime Zea Usca, der wieder kandidiert, hat heftigen Gegenwind. Straßenhändler, deren Markt verlegt wurde, demonstrierten, streikten und hielten Mahnwachen vor dem Rathaus. Auf Flugblättern werde, so Wais, Zea Uscas „neoliberaler Kurs kritisiert“. Viele Einwohner/innen engagieren sich für seine Gegenkandidaten.

Äußerst spannend war es für die Tübinger auch, Diskussionen in Sozialforen zu verfolgen. Dort debattierten am Wohl der Stadt Interessierte Themen mit Zündstoff – wie etwa ein umstrittenes Grundstücksgeschäft im Industriepark – oder sammelten Vorschläge, was gegen Gewalt getan werden kann. Haardt und Wais blieben von Überfällen verschont, weil sie sich an die empfohlenen Verhaltensregeln hielten.

In der Schule kamen die beiden auch an ihre Grenzen – als Sportlehrer für rund 24 Klassen mit je 40 Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren. Die Grundschule von „Fe y Alegria“ hat keine Sportlehrer. Eventuell treten Rebecca Lohmann von der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule und Vincent David Wolf vom Kepler-Gymnasium in die Fußstapfen ihrer Vorgänger. Wais und Haardt haben am letzten Abend vor ihrer Abreise aus Peru die neuen Freiwilligen aus Tübingen noch kurz getroffen.

Die Uhland-Absolventen waren wie geplant im tropischen Regenwald. Dort haben sie ein Projekt besucht, das ihre ehemalige Schule (wie berichtet) unterstützt hat. Ein Teil des 40 Hektar großen Urwalds wird noch aufgeforstet, auf zehn Hektar wildern Mitarbeiter Affen, Papageien und Schildkröten aus, die als Haustiere gehalten wurden.

Ideen, wie die Partnerschaft intensiviert werden könnte, gibt es einige – vom das Kontinente überschreitende Radioprojekt der Tübinger „Wüsten Welle“ bis zum Lehreraustausch zwischen dem Colegio und dem UG. Dessen Spanisch-Lehrerin Eva-Maria Kustermann hat ihre Ex-Schüler dort gerade besucht.

Der Mentor kommt zum Tübinger Stadtfest

Wais’ und Haardts peruanischer Mentor Antonio Cerna Reyes wird rund ums Tübinger Stadtfest an den Neckar kommen. Gemeinsam wollen die drei am Dienstag, 14. September, in der Uhlandstraßen-Aula über Villa El Salvador informieren. (Die Uhrzeit steht noch nicht fest.) Es war kompliziert, das Visum für den Gast zu bekommen. „Europa schottet sich ab“, sagt Daniel Wais, der wie Christian Haardt in seinem Freiwilligen-Jahr in Peru Offenheit, Herzlichkeit und große Gastfreundschaft erlebt hat. Bilder: Sommer

Info: Mehr über das Freiwilligen-Jahr gibt es unter www.peru1jahr.de.vu

Uhland-Absolventen bringen Partnerschafts-Ideen mit
„Auf der Suche – Spuren und Visionen“ heißt der Film, den der Tübinger Daniel Wais (hinten Zweiter von links) und der Kusterdinger Christian Haardt (vorne Dritter von links) in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador gedreht haben. Schüler(inne)n der Schule „Fe y Alegria“ („Glaube und Freude“), die seit gut 18 Jahren mit dem Uhland-Gymnasium verbunden ist, haben dafür unter anderem Mitglieder des Seniorenprojekts „Los Martincitos“ interviewt. Privatbild

Uhland-Absolventen bringen Partnerschafts-Ideen mit
Daniel Wais

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28.08.2010, 12:00 Uhr

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