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Besucher schimpften über die „Sudelei“

Ulrich Hägele über die Reaktionen der Tübinger auf die Moderne

Nach dem Nationalsozialismus begeisterten sich die Tübinger für Kunstwerke früherer Jahrhunderte. Zur modernen Kunst hatten sie hingegen ein gespaltenes Verhältnis – wie vor 1933 auch. Über die Kulturpolitik in der Nachkriegszeit sprach am Dienstag Medienwissenschaftler Ulrich Hägele.

24.06.2010
  • Manfred Hantke

Tübingen.„Schmerzlich innere Zerrissenheit“ nannte Ulrich Hägele seinen Vortrag. Es war der letzte in der Reihe „Vom braunen Hemd zur weißen Weste?“ Die vier Veranstalter, darunter die Geschichtswerkstatt und das Kulturamt, boten seit Herbst vergangenen Jahres acht Vorträge etwa über die Entnazifizierung, Ex-OB Hans Gmelin oder den Philosophen Theodor Haering an. Medienwissenschaftler Ulrich Hägele nahm am Dienstagabend im Saal der Volkshochschule vor rund 60 Interessierten insbesondere die Tübinger Kulturpolitik von 1945 bis 1949 ins Visier – angereichert mit O-Tönen von Zeitzeugen.

Maßgeblich „von oben“, also von der französischen Besatzung wurde Kulturpolitik gemacht, so Hägele. Und die hatte politisch-pädagogische Ziele. Denn nach der NS-Diktatur sollte auch Kunst und Kultur helfen, die Tübinger auf den demokratischen Weg zu bringen. Im Kino liefen bald die neuesten Filme, Elisabeth Flickenschild und Theodor Loos gastierten im „Museum“. Auch die Kunstausstellungen sollten ihren Teil zur Demokratisierung beitragen. Bis zum Frühjahr 1949 sahen im ehemaligen Hygieneinstitut rund 110 000 Besucher 23 Ausstellungen, darunter 19 mit Werken der Moderne, rechnete Hägele vor.

Doch die Tübinger waren mit der Moderne nicht vertraut. Das konservativ-protestantische Milieu habe sie vor 1933 abgelehnt, einen Vertreter der avantgardistischen Strömungen habe es nicht gegeben, sagte der Referent. So wurde die Moderne seit der Jahrhundertwende „nie richtig rezipiert oder gar assimiliert“.

Von 1933 an sei das Bürgertum dann „fast vollkommen konform“ mit der NS-Kunstideologie gegangen, so Hägele. Und die 20- bis 25-Jährigen lernten während der NS-Zeit die Avantgarde nur als „entartet“ kennen. Die Stadt und die meisten Tübinger blieben nach dem Krieg einem eher konservativen, wenn nicht sogar reaktionären Kunstverständnis verhaftet.

Klassische Moderne Kunst und die Bauhaus-Architektur wurden zwar in Ausstellungen präsentiert, für den Alltag rezipiert wurden sie nicht. Die überwiegende Mehrheit habe sowohl moderne klassische Musik, den Jazz, die Abstrakte Kunst und die französische Moderne verpönt. Heftige Reaktionen blieben nicht aus. Während der Ausstellung „Moderne Stuttgarter Künstler“ (Anfang 1946) schimpften Besucher über die „Sudelei“, bemühten gar die Fäkalsprache. Ein andermal strich die Militärregierung einige Werke von Otto Dix aus der Exponatliste. Denn sie würden die Deutschen „negativ in ihrem Aufbauwillen beeinflussen“.

Bestens kam dagegen eine Ausstellung mit „Meisterwerken“ von Cranach, Degas, Tintoretto und Rembrandt im Winter 1946/47 an. Sie blieb mit 42 000 Besuchern für Jahrzehnte die meistbesuchte. Hägele konstatierte eine „ungebrochene Begeisterung“ für die alten Klassiker. Die Moderne und auch die Politik, die dazu geführt hat, ließen die Tübinger jedoch außen vor. Diskutiert wurde darüber nicht. So sei die Moderne ein weiteres Mal einer Nichtexistenz ausgesetzt gewesen.

Ulrich Hägele über die Reaktionen der Tübinger auf die Moderne
Der Tübinger Medienwissenschaftler Ulrich Hägele.

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24.06.2010, 12:00 Uhr

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