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Zum Bücherfressen gern

Ulrike Sander und ihr Job in der Buchpreis-Jury

Zum sechsten Mal wird in diesem Herbst der Deutsche Buchpreis verliehen. Und zum ersten Mal wird die siebenköpfige Jury durch eine Buchhändlerin komplettiert – die Tübinger Osiander-Beschäftigte Ulrike Sander. Wir wollten wissen, wie das ist, wenn man plötzlich ohne Unterlass dickleibige Romane lesen muss.

24.08.2010
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Völlig erschöpft und übernächtigt wirkt sie beim TAGBLATT-Gesprächstermin zwar nicht gerade, aber das kann täuschen. Die sportliche Lektüre-Leistung ist jedenfalls nicht ohne. Ulrike Sander, als Buchhändlerin mit Belletristik-Schwerpunkt ja sowieso in der gehobenen Bücherwelt zuhause, hat mit der ehrenvollen Kür zum Jurymitglied dann nochmal eins drauflegen müssen. Ein Lesemarathon wurde ihr abverlangt, und das „nebenher“. Denn der Beruf forderte sie vollzeit: „Ich habe doch einen Job, aussetzen wäre mir nie in den Sinn gekommen!“

So las, nein „fraß“ sich die Feierabend-Jurorin durch Abertausende von Papierseiten: „Als die Freude verklungen war, fing die Arbeit an.“ Dazu bekamen die Juroren „jedes Buch zur Verfügung gestellt – und vom Börsenverein leihweise einen E-Book-Reader.“

Für den Deutschen Buchpreis, der seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben wird, kommen nur Romane in Frage, die im einjährigen Zeitraum zwischen September 2009 bis September 2010 erschienen oder erscheinen. Zwei Drittel, überschlägt Sander, lagen in Buchform vor, teils studierte sie aber auch noch nicht in Buchform gebundene Fahnen.

Jeder beim Börsenverein registrierte Verlag kann zwei Titel melden oder auch Titel empfehlen. Aus 148 Büchern haben die siebenköpfige Jury (diesmal also erstmals einer weiblichen Buchhandels-Vertretung) 20 Titel ausgesucht: Darunter wie berichtet auch ein Tübinger Autor (Joachim Zelter), der seinen Roman „Der Ministerpräsident“ bei einem Tübinger Verlag (Klöpfer & Meyer) herausbringt.

Diese sogenannte „Longlist“ der 20 Besten wird auf einem Jurytreffen in dieser Woche nochmal zur „Shortlist“ von nunmehr sechs Titeln verringert. Unmittelbar vor der Frankfurter Buchmesse wird dann im Oktober der Sieger oder die Siegerin bestimmt. Die Jury traf sich insgesamt zwar eher selten, dafür aber, so Sander, zu „spannenden Sitzungen: Es ging immer nur um Inhalte.“ Titel um Titel wurde durchgegangen, am Schluss demokratisch nach Punkten sortiert und abgestimmt. Inzwischen hat Ulrike Sander alle 20 ausgewählten Titel noch ein zweites Mal gelesen. „Ich hatte schon eine Shortlist im Kopf, die könnte nochmal umkippen.“

Auch Buchhändler brauchen Anhaltspunkte

Sie versuchte dabei jedem Buch gerecht zu werden – „es steckt so viel Arbeit darin.“ Im Grunde sollte jede(r) der sieben Juror(innen) 20 Bücher „übernehmen“, um die Vor-Arbeiten gütlich zu verteilen, doch „natürlich blieb es nicht bei denen“. Sie sei dann immer schneller geworden, habe „Bücher gefressen“, aber auch Durchhänger gehabt – „lesen macht einsam“. Jetzt allerdings sei sie süchtig danach. Vorher las sie, wie viele ihrer Kunden, eher „nach Lust und Laune“. Dass Lesende aus Profession, wie es Literaturkritiker eben sind, dem Buchhandel einen Teil der Arbeit abnehmen, ist wohl nötig: „Auch Buchhändler brauchen Anhaltspunkte.“

Ulrike Sander war in diesem Jahr Bestandteil einer nobel besetzten Fachjury: Vorneweg „Zeit“-Feuilletonist Ulrich Greiner; aber auch Burkhard Müller („Süddeutsche“), Cornelia Zetzschke (Bayrischer Rundfunk), Jobst-Ulrich Brand („Focus“) und Jurysprecherin Julia Encke („Frankfurter am Sonntag“), die in Tübingen studiert hat, zählen zu den bekannteren Namen. Dazu Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin. „Es hat wahnsinnig Spaß gemacht“, so Ulrike Sanders Fazit zur Halbzeit, „und es hat mich mit Büchern bekannt gemacht, die ich sonst wohl nicht in die Hand genommen hätte.“ Zum Beispiel ein Roman, der ohne Punkt und Komma geschrieben wurde: „Wie ein Sog“ sei die Lektüre gewesen. „Im Alltag ist es viel schwieriger, Kleinode zu entdecken.“

Zwei Wannen, gefüllt mit Büchern, standen daheim. Durch manches musste sie sich dann aber doch „durchquälen“. Am Anfang las sie jeweils noch zu Ende, das ließ sich offenbar aber nicht durchhalten. „Ich habe sonst nicht viel mitgekriegt vom kulturellen Leben“, sagt die Tübingerin – gerade noch zum „Klein-Zaches“-Sommertheater hat es mal gereicht.

Wenn sich Ulrike Sander die von ihr mitverantwortete Longlist anschaut, dann gefällt ihr unter anderem, dass mehr als ein Drittel der Autorinnen und Autoren eingewandert sind beziehungsweise nicht in der Muttersprache schreiben. Und damit sorgsamer, auch experimenteller mit der deutschen Sprache umgehen. Das gilt für Alina Bronsky wie für Olga Martynova, für Melinda Nadj Abonji wie für Nino Haratischwili. Zwei Debüts sind dabei, und: „Der prominente Name allein reicht nicht.“ Deshalb schafften es weder Adolf Muschg noch Erst-Preisträger Arno Geiger, obwohl vorgeschlagen, wiederum auf diese Liste.

Stattdessen Joachim Zelter. Übrigens ohne lokalpatriotischen Zug und Druck der Tübinger Jurorin. „Ich finde aber, es ist ein gutes Buch“, sagt Ulrike Sander über Zelters „Der Ministerpräsident“. Und: „Wir waren uns einig, dass es in Deutschland wenig Schriftsteller gibt, die so gute Politiksatiren schreiben.“ Dass die Osiandersche Buchhandlung wiederum in eine Jury berufen wurde, nachdem mit Heinrich Riethmüller bereits ein weiteres Mitglied der Geschäftsleitung den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels mitbestimmen durfte, erklärt sich ihrer Meinung aus dem „Ansehen als mittelständischer Betrieb“, das Osiander genießt.

Seit Mai in der erweiterten Osiander-Geschäftsleitung

Ulrike Sander wurde 1956 in Frankfurt geboren und wuchs in Ingelheim am Rhein auf. Sie studierte Anglistik, Politikwissenschaft und Geschichte in Tübingen und Newcastle upon Tyne, bevor sie 1984 eine Buchhändlerlehre in Bietigheim-Bissingen, in der „Bietigheimer Bücherstube“, eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolvierte. Mit einer kurzen Unterbrechung ist sie seit 1986 bei Osiander und leitete viele Jahre die Tübinger Universitätsbuchhandlung in der Wilhelmstraße. Heute ist sie vor allem für den Zentraleinkauf Belletristik im Gesamtunternehmen verantwortlich. Seit Mai diesen Jahres gehört sie der – nun auf sechs Personen – erweiterten Osiander-Geschäftsleitung an.

Ulrike Sander und ihr Job in der Buchpreis-Jury
Wer, wenn nicht sie: Ulrike Sander befestigt bei Osiander die aktuelle „Longlist-Liste“ am „Longlist-Table“. Bild: Sommer

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24.08.2010, 12:00 Uhr

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