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Der Tafelladen läuft und läuft

Um die 650 Menschen versorgen sich mit Lebensmitteln

Die Essensregale sind voll, die Helferlisten auch, immer wieder treffen dringend benötigte Spenden auf dem Konto ein. Das ist ein Grund, zufrieden zu sein, aber keiner, sich zu freuen: Schließlich wäre es besser, ein Tafelladen würde gar nicht erst benötigt.

08.08.2012
  • Gabi Schweizer

Mössingen. Armut macht einsam. Das haben die Tafelladen-Aktiven schnell gemerkt und deshalb einen Ort geschaffen, an dem es egal ist, wie viel jemand auf dem Konto hat. Der Tafelladen unterm Mössinger Rathaus ist nicht nur ein Geschäft, sondern dienstags und freitags auch ein Café.

Die 25 Plätze sind immer gut gefüllt, sagen Peter Looser und Gabriele Müller vom Vorstand. Viele kommen regelmäßig – dass es gerade nicht ganz so viele Besucher sind, liegt am Ramadan, der Muslimen untertags das Essen und Trinken verbietet. „Der Tafel geht es gut. Das heißt im Umkehrschluss: Vielen Menschen geht es schlecht“, kommentiert Looser die Lage.

Vor anderthalb Jahren hat der Tafelladen die neuen Räume bezogen, die die Stadt kostenlos zur Verfügung stellt. Ein nettes Plätzchen, ehemals eine Kneipe, leicht versteckt, aber doch zentral. Dass das Geschäft halb im Verborgenen liegt, ist durchaus von Vorteil. Rund 200 Menschen kaufen ihre Lebensmittel dort ein – rechnet man deren Familien mit, sind es 600 bis 700 Menschen, die sich über den Tafelladen versorgen.

Es wären mehr, würden sich alle, die eine Berechtigung haben, auch hintrauen. Die Hemmschwelle, sich als hilfsbedürftig zu outen, ist hoch. Einkaufsberechtigt sind kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Sozialhilfeempfänger, Rentner, Asylbewerber und Flüchtlinge, die Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung beziehen und dies nachweisen können. Das Einzugsgebiet umfasst neben Mössingen mit Teilorten noch Nehren, Ofterdingen und Bodelshausen.

Rund 180 Menschen sind im Tafelladen-Verein. Wer dort hinter der Theke steht, bei Supermärkten Essen einsammelt oder sich um sonstige Vereinsangelegenheiten kümmert, tut dies ehrenamtlich. Dennoch ist der Tafelladen so knapp dran, dass er Spenden benötigt – um die Fahrzeuge zu versichern und um den Sprit zu zahlen zum Beispiel. Eins der Autos finanziert sich über Werbung, das zweite nicht. In ein, zwei Jahren wird wohl auch ein neues Fahrzeug fällig. „Wir kommen über die Runden. Wenn wir Miete zahlen müssten, wär’s äußerst kritisch“, so beschreibt Loser die finanzielle Situation des Vereins.

Bisweilen geht auch ein Lebensmittel aus. Bei Zucker passiert das häufig – er ist nun mal viel haltbarer als ein Brötchen. In einem solchen Fall wird der Zucker – oder was eben fehlt – auch mal regulär eingekauft, aber, wie die anderen Sachen auch, für einen Bruchteil des eigentlichen Preises an die Kunden abgegeben. Im Schnitt sind dies zehn Prozent des ursprünglichen Betrags. Und es gibt Obergrenzen: Mehr als 1,50 Euro Euro zahlt niemand pro Einkauf, bei einer Familie sind es höchstens 4,50 Euro – wobei es auch Obergrenzen dessen gibt, wie viel jemand mitnehmen darf.

Mit Lebensmitteln fühlt der Tafelladen sich relativ gut versorgt. Nicht nur Geschäfte spenden, manchmal dürfen die Ehrenamtlichen auch ins Rewe-Verteilzentrum nach Bondorf oder ins Edeka-Zentrallager nach Balingen. „Unsere gute Situation hängt vor allem mit unserem guten Fahrerteam zusammen“, betont Gabriele Müller. „Wenn morgens um sieben jemand bei unserem Einsatzleiter anruft, dass sie nun eine Palette Lebensmittel rausschieben, ist um halb acht jemand dort.“

Bäcker müssen nun doch keine Steuer für die alten Brötchen zahlen, die sie der Tafel schenken: Das Finanzministerium hat auf Proteste des Bundesverbands der Tafelläden reagiert.
Zur Erinnerung: Ein Bäcker hätte 5000 Euro Umsatzsteuer nachzahlen sollen. Hätte er die Brötchen einfach weggeworfen, hätte das Finanzamt ihn in Ruhe gelassen. Der Grund ist die Umsatzsteuer, die Bäcker auf Zutaten wie Mehl, Eier, Milch und Zucker bezahlen müssen und die sie später von ihrer eigenen Umsatzsteuerschuld abziehen. Was – wie das Gericht fand – nicht gehe, wenn die Waren verschenkt würden.
„Skurril“ fand Peter Looser dieses erste Urteil – und dramatisch für die Tafeln: „Das wäre der Todesstoß, da liefern die Leute ja gar nichts mehr.“ Nun sind auch die Mössinger Tafelladen-Aktiven erleichtert, dass die Steuer vom Tisch ist: Das Finanzministerium will das Steuergesetz entsprechend revidieren.

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08.08.2012, 12:00 Uhr

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