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Bäume weichen Windrädern

Umstrittenes Energieprojekt im Harthäuser Wald versorgt fünf Gemeinden

Der größte Windpark des Landes liegt in einem Wald bei Heilbronn. Die Landesregierung sieht darin den Durchbruch für die Energiewende. Gegner kritisieren die Zerstörung eines wertvollen Ökosystems.

02.11.2015
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn Winfried Kretschmann marschierte entschlossen auf die etwa 300 Demonstranten zu, doch ein sinnvolles Gespräch kam nicht zustande. Stattdessen sah und hörte sich der grüne Ministerpräsident mit harscher Kritik ("Abtreten! Abtreten! Abtreten!") und üblen Beschimpfungen ("Du Schwein!") konfrontiert. Wortlos drehte Kretschmann mit seiner Polizeieskorte ab.

Bei der Einweihung des größten Windparks im Land prallten am Samstag bei Widdern (Kreis Heilbronn) sehr unterschiedliche Denkweisen aufeinander. Im Harthäuser Wald ließ die Heilbronner ENBW-Tochter Zeag 14 Windräder mit einer Nabenhöhe von 149 Meter aufstellen, ein Dutzend davon mitten im kommunalen Forst.

"Beim Windkraftausbau ist endlich der Knoten geplatzt", freute sich Kretschmann fern der Gegner des Projekts, "mir ist jetzt wirklich ein Wackerstein vom Herzen gefallen." Die 14 Rotoren mit ihrer Leistung von jeweils drei Megawatt, die bis in eine Höhe von 207 Meter reichen, seien "sichtbares Zeichen für die Energiewende im Land". Die Anlage mit einer Stromproduktion von jährlich 92 Millionen Kilowattstunden sei auch wegen der Beteiligung der Bürger - mit Einlagen ab 300 Euro - beispielhaft. Dass "einige Bäume" hätten gefällt werden müssen, "ist gar keine Frage". Doch dieser Windpark beweise, dass die Bewahrung des Wohlstands und die Rücksicht auf den Umweltschutz hätten miteinander verknüpft werden können. Deshalb sprach Kretschmann von einem "guten Tag für ganz Baden-Württemberg". Auch persönlich verbuchte der Ministerpräsident die Rotoren-Galerie zwischen den Bäumen als Erfolg: "Dafür habe ich mich mein ganzes politisches Leben eingesetzt."

"Wir haben um jeden Baum gerungen", erklärte ZEAG-Geschäftsführer Harald Endreß. Zwar habe jeweils ein halber Hektar gerodet werden müssen, doch dafür werde am Waldrand neu aufgeforstet.

Für die Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald, die 1200 Proteststimmen gesammelt hatte, belegt das Projekt trotzdem "die zügellose Industrialisierung unserer Natur- und Erholungsräume". In sensiblen Ökosystemen dürfe keine Windkraftanlage errichtet werden: "Wir haben ein anderes Verständnis von ökologischer und volkswirtschaftlich sinnvoller Energiewende." Von Kretschmann samt Partei fühlen sie sich verraten. "Schützt den Wald und die Natur vor den Grünen und ihren Umwelt-Schmutz-Verbänden", stand auf einem Spruchband.

Die Rettung des Klimas durch den Kahlschlag für die Rotoren sei zynisch, erklärte Michael Domay, der 30 Jahre das Forstamt in Neuenstadt am Kocher geleitet hat. Der Windpark in dem 3000 Hektar großen, uralten Waldgebiet habe nur entstehen können, weil der politische Wille der Landesregierung "rabiat durchgedrückt" worden sei. Die örtlichen Mitglieder von Nabu und BUND seien "von ihren eigenen Landesverbänden zurückgepfiffen" worden, behauptete der pensionierte Förster: "Oben in Stuttgart wird halt kräftig gekungelt."

Umweltminister Franz Untersteller verwies auf den hohen Stellenwert des Arten- und Umweltschutzes. Fünf beantragte Standorte wurden mit Rücksicht auf Tiere wie die Bechsteinfledermaus abgelehnt. Dem grünen Politiker war aber auch der Hinweis auf den Fortschritt der Technologie wichtig. Vor etwa zehn Jahren hätten noch 80 bis 90 Anlagen aufgestellt werden müssen, um die Leistung der jetzt errichteten 14 Rotoren zu erreichen, rechnete er vor. In fünf angrenzenden Kommunen kann der Windpark nach Zeag-Angaben 70 Prozent des Strombedarfs von Haushalten, Gewerbe und Industrie decken. Dafür mussten rund 70 Millionen Euro investiert werden. Die waldbesitzenden Gemeinden erhalten eine jährliche Entschädigung von rund 28 000 Euro je Standort.

Im Harthäuser Wald soll die Energiewende weitergehen. Im staatlichen Forst ist Platz für weitere acht Windräder. Allerdings gibt es dagegen selbst bei Befürwortern Widerstand. "Wir wollen so wenige wie möglich", sagte der Bürgermeister von Hardthausen, Harry Brunnet (Freie Wähler), "irgendwo gibt es ja auch eine Grenze."

Umstrittenes Energieprojekt im Harthäuser Wald versorgt fünf Gemeinden
Protest der Windkraftgegner zur Eröffnungsfeier im Harthäuser Wald: Dass für die Rotoren Bäume gefällt werden mussten, wurde als "Industrialisierung von Natur- und Erholungsräumen" heftig kritisiert. Foto: Hans Georg Frank

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02.11.2015, 12:00 Uhr

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