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Übrigens über die Vermehrungs-Sucht

Und bald ist alles schon Tradition

Jetzt also auch Pfrondorf. Der Tübinger Stadtteil hat zwar keine katholische Kirche, aber seit Oktober immerhin     einen Verein, der ein urkatholisches Brauchtum pflegt: Fasnet.

14.01.2017
  • Tobias Zug

Unter anderem auf Flugblättern hatten junge Fasnetswillige aus Pfrondorf auch im Nachbarstadtteil Lustnau nach Interessierten gesucht, um eine Narrenzunft zu gründen – und gefunden. Am Dreikönigstag war jetzt einmalige „Gründungsnarrentaufe“ . Für die Maske wählten die Gründungsmitglieder die durch eine alte Pfrondorfer Geschichte beschriebene Figur des „Hutzler“.

Kein noch so evangelischer Flecken, so scheint’s, kommt hierzulande und heutzutage ohne das vereinsgesteuerte Hopsen von Hexen, Hutzlern und sonstigen Hästrägern aus. Weil irgendwelche volkstümlichen Brauchtümer ja gepflegt werden müssen, die anscheinend jahrhundertelang vernachlässigt wurden.

Es ist der Zeitgeist, dass nichts und niemand mehr sakrosankt ist und alles mehr werden muss. Jeder muss teilhaben an jedem Geschehen, das Spaß oder Ruhm oder Reichtum oder am besten gleich alles verspricht.

Der Fußballweltverband Fifa, der sich der Pflege des Kulturguts Fußball verschrieben hat, hat soeben beschlossen, die Weltmeisterschaften ab 2026 auf 48 Mannschaften zu erhöhen. Offiziell, damit kleinere Länder wie der Oman oder die Cayman-Inseln größere Chancen haben, am größten Sportereignis des Planeten teilzunehmen. Inoffiziell zur Pflege der Kasse. Der Nicht-Teilnehmer vernimmt nur staunend die Nachricht, ärgert sich vielleicht, wenn er nicht gerade Fußball-Anhänger aus dem Oman, den Cayman-Inseln oder Fasnets-Enthusiast aus Pfrondorf ist. Aber der Ärger verraucht, bald gucken die Fans sechs Wochen lang nonstop Fußball-WM und schwenken ihre Fähnchen, wenn Deutschland das erste von zwei Gruppenspielen gegen den Oman gewonnen hat.

Und in ein paar Jahren haben all die Fasnetsvereine schon Tradition, organisieren ihre fünf- oder zehnjährigen Jubiläums-Umzüge. Abends gibt’s dann zur Jubiläumsfeier Show- und Gardetänze, auch wenn das Elemente aus dem rheinischen Karneval sind, von dem sich hartgesottene Fasnets-Huldiger ja sonst eigentlich abgrenzen wollen.

Faszinierend ist da nur eins: Dass es all die Sensenmänner, Käsperle und Stadthexen schaffen, in den wenigen Wochen zwischen Dreikönig und Aschermittwoch einigermaßen koordiniert ihre fünf- und zehn- und elf-jährigen Jubiläumsveranstaltungen unterzubringen. Und dass sie tatsächlich Fasnet an diesen Tagen und nicht schon im August feiern.

Aber wenn’s mit der Vereinsvermehrung so stetig weiter geht, steht die Menschheit vor einem ernsthaften Problem: Die Wochenenden reichen dann nicht aus, um all die Jubiläums-Umzüge unterzubringen. Der Jahreskalender, der denkt nämlich nicht daran, seine Tage zu vermehren und bleibt hartnäckig bei 365, seltener bei 366 Tagen. Deshalb wird’s Zeit für eine Kalenderreform! Die letzte ist ja jetzt auch schon wieder über 300 Jahre her.

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14.01.2017, 01:00 Uhr

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