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Die Erotik der Knetfigur

Und wieder lockt das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart

Eine animierte Kaufhaus-Fassade, Opern-Trickfilme, dänische Leckerbissen und reichlich Preiswürdiges: Stuttgart wird mit dem Trickfilm-Festival wieder zur weltweiten Hauptstadt des Animationsfilms.

25.04.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Stuttgart. Eine einsame Verkehrsampel an einer Kreuzung im staubigen Nirgendwo. Klar, früher ist sie gebraucht worden, aber jetzt, wo es den Highway gibt, fühlt sie sich nutzlos. Doch eines Tages schlägt ihre Stunde: Riesenstau auf dem Highway, endlich herrscht wieder Verkehr auf der Landstraße, die Ampel bekommt tüchtig zu tun. So viel, dass ihr die Lichter durchbrennen. Ein Desaster! Aber es gibt Rettung, dank grüner und roter Christbaumkugeln, mit denen die Ampel den Verkehr wieder zum Fließen bringt.

Eine so abgefahrene wie poetische Geschichte - doch wie kann man sie filmisch erzählen? Der 69-jährige amerikanische Animations-Meister Bill Plympton schafft es mit einfachsten Mitteln: mit Papier, Buntstiften und Kamera.

Animations-Juwelen wie „The Loneliest Stoplight“ sind es, die den Wettbewerb des Internationalen Trickfilm Festivals Stuttgart (ITFS) zu etwas Besonderem machen. Morgen geht es in den Innenstadt-Kinos und auf dem Schlossplatz wieder los, zehntausende Zuschauer werden zum Festival erwartet, mehr als 1000 Filme werden in all den Reihen gezeigt, mehr als 200 Veranstaltungen stehen im Kalender.

Der Bürgerkrieg im Libanon, der Schrecken in einem DDR-Frauengefängnis, das Leben eines vietnamesischen Mädchens, das nach dem Tod der Mutter den Verstand verliert: Es sind gravierende Themen, derer sich viele Filmemacher annehmen. Der Tonfall im Wettbewerb ist auffallend ernst. Und es sind gerade die Möglichkeiten des Trickfilms - das Abstrahieren und Vereinfachen, das Überlagern und Überzeichnen, das Verzerren und Verschmelzen -, die schmerzhafte Wahrheiten ans Licht kommen lassen.

Natürlich kann auch der so genannte Realfilm mit seinen Millionen Dollar teuren Computertricks alles zeigen, was der Mensch sich an Bildern auszudenken vermag - und doch schafft er es nur selten, so poetisch, kunstvoll und wahrhaftig zu erzählen wie so mancher Animationsfilm in seiner Reduktion und Künstlichkeit.

Doch gibt es im Wettbewerb auch Versponnenes, etwa wenn in „Toonocalypse“ Zeichentrick-Aliens im realen Edinburgh landen. „Under the Apple Tree“ lüftet das Geheimnis der Zombies: Es sind Würmer, die Leichen scheinbar wieder zu Leben erwecken - zumindest in dieser schwarzhumorigen niederländischen Geschichte zweier Brüder, eines Bauern und eines Pfarrers, die einander hassen. Und das Thema „Gläserner Mensch“ kann just ein Animationsfilm ganz sinnfällig illustrieren, wie in „Transparency“ zu sehen ist. Eine versiffte Ratte wird auch mal zur Hauptfigur ebenso wie singende Autos und ein Junge mit zwei Köpfen. Also doch zu viel Kinderkram? Nun, „Sex Laundry“ erzählt, wie Alice und Henry nach 25 Jahren Eheroutine versuchen, wieder Schwung in ihr erotisches Leben zu bekommen - auch wenn sie nur Knetfiguren sind.

Der Wettbewerb ist freilich nur ein Baustein im Festival-Programm des ITFS. Wie immer gibt es „Tricks for Kids“ und musikalische Leckerbissen wie das Comic-Konzert „Fliegenpapier“. Die „Game Zone“ lockt auf den Schlossplatz, ebenso das Open-Air-Kino, und erneut werden Auszeichnungen vergeben, so der Deutsche Animationssprecherpreis, für den diesmal Bettina Zimmermann, Hans-Joachim Heist und Kostja Ullmann nominiert sind. Gastland des ITFS 2016 ist Dänemark, dessen lebendige Animations-Szene mit etlichen Protagonisten vertreten sein wird. Und dann heißt es auch noch „Animation Opera“: unter anderem mit Lotte Reinigers „Carmen“ und einer Live-Übertragung von Jossi Wielers „Rigoletto-Inszenierung aus der Staatsoper auf die Open-Air-Leinwand.

Die Außenfassade des Modehauses Breuninger wird derweil als „Wall of Animation“ zum Kunstwerk, 65 mal 10 Meter groß, mit Figuren von „Simpsons“-Miterfinder David Silverman, Lokalmatador Andreas Hykade und ITFS-Stammgast Bill Plympton - ob dort auch seine Verkehrsampel zu sehen sein wird?

Open Air

Programm Wenn das Wetter mitmacht, ist der Stuttgarter Schlossplatz während des Festivals (26. April - 1. Mai) eine tolle Adresse. Täglich beginnt dort um 14 Uhr das Familienprogramm, und um 20 Uhr gibt es großes Kino. Diesmal mit „Home“ (Di), „Der kleine Prinz“ (Mi), „Arlo & Spot“ (Do), „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ (Fr), „Alles steht Kopf“ (Sa) und „Die Peanuts“ (So).

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25.04.2016, 06:00 Uhr

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