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Mäusedreck im Müller-Brot

Unhygienische Produktion und Betrug: Bäckerei-Manager vor Gericht

Den Verbrauchern dreht sich der Magen um: Maden, Schaben, Mäusedreck und Rost fanden Lebensmittelkontrolleure in der Großbäckerei Müller-Brot in Bayern. Die damaligen Manager stehen nun vor Gericht.

03.11.2015
  • ANDRÉ JAHNKE CHRISTINE SCHULZE, DPA

Landshut Der Richter Alfons Gmelch will zu Beginn des Ekel-Prozesses um die Großbäckerei die Anspannung der Angeklagten lösen. Der Vorsitzende der Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Landshut sagt zu dem Ex-Haupteigentümer von Müller-Brot mit Blick auf dessen Wohnort Syke in Norddeutschland: "Sie hatten aber eine weite Anreise." Der 69-Jährige antwortet pampig: "Ja. Das ist aber hier nicht das Thema."

Recht hat er. Es geht um unfassbare Vorwürfe gegen ihn und seine beiden Nachfolger als Geschäftsführer bei dem Großbäcker aus Neufahrn bei München.

Das Trio sitzt seit gestern auf der Anklagebank im Landgericht Landshut. Die Vorwürfe lauten: Inverkehrbringen von Lebensmitteln, die nicht zum Verzehr geeignet waren, Betrug in 238 Fällen, Untreue und Insolvenzverschleppung. Über ihre Anwälte lassen die Angeklagten mitteilen, dass sie die Vorwürfe zurückweisen.

Mäuse, Schaben, Maden, Fruchtfliegen, Käfer, Motten und Rost hatten Lebensmittelkontrolleure bei sechs unangemeldeten Kontrollen in den Produktionslinien gefunden. Trotzdem sind unter diesen ekligen Hygienezuständen täglich zehntausende Brötchen, Brote und Feinbackwaren gebacken worden. Mehr als vier Stunden dauert die Verlesung der umfangreichen Anklage, auch weil die beiden Staatsanwälte jede Stückzahl der Backwaren vortragen.

Das Landratsamt Freising hat die Produktion Anfang 2012 gestoppt. Zwei Wochen später meldete das Unternehmen Insolvenz an. 1250 Mitarbeiter verloren ihre Jobs.

Der damalige Firmenchef hat sich laut Anklage auch persönlich bereichert, obwohl das Unternehmen bereits in eine heftige Schieflage geraten war. Von April 2010 bis 2012 wurden von Müller-Brot mehr als 518 000 Euro an die Gestüt Famos GmbH für das Anbringen einer Werbetafel überwiesen. Anders als an viele Lieferanten wurde hier pünktlich gezahlt, obwohl laut Staatsanwaltschaft keine Gegenleistung erbracht wurde und damit auch gar kein Werbezweck erfüllt werden konnte.

Die Gestüt Famos GmbH sitzt bei Bremen, und Müller-Brot hatte sein Kerngebiet im südlichen Bayern. Pikant: Der alleinige Geschäftsführer der Gestüt Famos GmbH war laut Staatsanwaltschaft der damalige Chef von Müller-Brot, ein passionierter Pferdezüchter.

Strafrechtlich wiegt der Vorwurf des Betrugs, der Untreue und der Insolvenzverschleppung zwar größer. Den Verbrauchern werden aber die massiven Hygienemängel im Gedächtnis bleiben.

Lebensmittelüberwachung ist Ländersache in Deutschland, deshalb ist die Einordnung des Skandals nicht so einfach. Im Jahr 2013 etwa sind knapp 537 000 Betriebe bundesweit kontrolliert worden, davon einige mehrfach, wie aus Statistiken des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hervorgeht. Verstöße meldeten die Kontrolleure aus 136 577 Betrieben - wobei die Bandbreite hier sehr groß ist: Von der abgefallenen Fliese über eine fehlende Kennzeichnung von Allergenen bis hin zur mangelnden Schulung von Mitarbeitern kann alles darunter fallen.

Ob es auch Fälle wie bei Müller-Brot gab, wo mehrfach massive Verunreinigungen durch tote Schaben und Mäusedreck festgestellt wurden, darüber liegen der Behörde keine Daten vor. Fest steht aber: In drei Vierteln der festgestellten Verstöße ging es um Hygieneprobleme im Betrieb oder um das Hygiene-Management.

"Eine Großbäckerei, bei der auch nach zahlreichen von der Lebensmittelüberwachung angeordneten Maßnahmen gravierende Probleme und eine mangelhafte Grundhygiene festzustellen sind, ist auch für die Lebensmittelüberwachung ein außergewöhnlicher Fall", sagt Christian Weidner vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen.

Und wie so oft bei Lebensmittelskandalen in Deutschland: Als Letzte werden die Bürger davon in Kenntnis gesetzt. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts von den Schaben in der Müller-Fabrik, obwohl bereits die Staatsanwaltschaft eingeschaltet war.

Für Behörden ist es riskant, wenn sie in solchen Fällen Bürger informieren. Sie laufen Gefahr, von den Unternehmen verklagt zu werden. Der Fall Müller-Brot beschäftigt das Gericht in Landshut mindestens bis Mitte Dezember.

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03.11.2015, 12:00 Uhr

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