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Braune Spuren verwischt

Uni-Fotograf und NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinz Dürr

Er fotografierte für die Tübinger Ur- und Frühgeschichtler und versuchte in paramilitärischen Freikorps beispielsweise den Stuttgarter Generalstreik im Frühjahr 1919 zu sprengen. Der Museumsleiter Gunter Schöbel beleuchtete die ambivalente Karriere von Heinz Dürr in der Vortragsreihe Archiv-Blicke.

14.05.2011
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Auf die politische Biografie des Fotografen Heinz Dürr stieß Gunter Schöbel auf dem Dachboden im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, dessen Leiter er ist. In einer großen Kiste, nur mit dem Kürzel „ER 3“ für „Einsatzstab Rosenberg“ versehen, fand er schon als Berufsanfänger vor 20 Jahren Aufnahmen von Nazi-Veranstaltungen und -Aufmärschen in Tübingen, Nürnberg, München und Stuttgart.

Es waren „erschütternde Bilder voller Hakenkreuze, die man damals öffentlich so noch nicht zu Gesicht bekam“. Das berichtete der Tübinger Privatdozent rund 120 Interessierten vor kurzem im ehemaligen Tübinger Kino Löwen. Die Kiste stammte aus dem Archiv des Nazi-Professors Hans Reinerth, so Schöbel, mit dem Dürr als wissenschaftlicher Lichtbildner 1935 an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (seit 1949: Humboldt-Universität) wechselte.

Die ersten Aufnahmen der Vogelherdfiguren

„Die Ideologisierung der Urgeschichte ab 1932 in Tübingen“ sei Reinerth zuzuschreiben. Im Kampfbund für Deutsche Kultur“ habe Reinerth schon seit 1929/30 die Gleichschaltung von Kunst und Wissenschaft betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Direktor des Pfahlbaumuseums.

Als Tübinger Institutsfotograf fertigte Dürr „herrliche Bilder von Ausgrabungen“, beispielsweise im Bad Buchauer Federseemoor, die „den Geist des Aufbruchs nach dem Kaiserreich“ spiegelten, so Schöbel. „Technik, Natur, Mensch und Arbeit waren bei ihm genial in Szene gesetzt.“ Auch die ersten Aufnahmen der Vogelherdfiguren stammen von ihm. Dürr galt zudem als hervorragender Zeichner von Feuersteingeräten und geschätzter Restaurator. Die Tübinger Ausgrabung „Im Geigerle“ 1929 hat Dürr ebenfalls festgehalten.

Als 25-Jähriger war der gebürtige Cannstatter schwerhörig aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen. Persönlich sei er jähzornig und einzelgängerisch gewesen, sagte der Referent. „Nach Kriegsende 1918 zählte Dürr zu den Unzufriedenen, die als bürgerliche Königstreue der neuen demokratischen Regierung zutiefst misstrauten.“ Von 1919 bis 1921 besuchte er in München die Höhere Fachschule für Fototechnik. Bilddokumente belegen, dass er an militärischen Freikorps-Übungen teilnahm, berichtete Schöbel.

„Ab 1919 bildeten sich Studentenbataillone, aus den Verbindungen rekrutiert, die an der Niederschlagung von Aufständen und Streiks beteiligt waren.“ Dürr gelangte über seinen Bruder Dagobert, Student der Meteorologie in Tübingen, in diese Kreise. Zeitweilig wohnten beide gemeinsam im Neckarbad 2. Auch Carlo Schmid als Kompanieführer Stuttgarter republiktreuer Studenten und Dietrich Bonhoeffer, der wie Dürrs Bruder Dagobert der Tübinger Verbindung Igel angehörte, „waren in diesen paramilitärischen Truppen organisiert“.

Die Tübinger Freikorps umfassten etwa 750 Mann. Unter der Parole „Metzelsuppe“ versammelten sie sich in der Nacht auf den 1. April 1919 in Lustnau und gelangten gegen 3 Uhr nach Stuttgart, wo sie Uniformen und Gewehre erhielten. Bis zum 9. April blieben sie in der Landeshauptstadt, so Schöbel. Beide Dürr-Brüder beteiligten sich unter anderem an den Ruhrgebietskämpfen im März 1920. Bereits am 24. Februar 1920 trat Heinz Dürr der NSDAP bei.

Seine erste eigene Tübinger Adresse, Lustnauer Allee 18, „war interessanterweise die Adresse der ersten NSDAP-Geschäftsstelle“, sagte der Referent. Später war das Parteibüro Dürrs Zimmer in der Münzgasse 6, bei Buchbinder Kirn.

Seit 1925 fotografierte Dürr regelmäßig für das Urgeschichtliche Institut auf dem Schloss und für die Uni Tübingen. Für deren 450-Jahr-Feier dokumentierte er den festlich dekorierten Stifts-Speisesaal, den Sauriersaal der Geologie-Paläontologie, die Universitätswäscherei und Ansichten vom Schloss. Auch die Aufnahme einer Hakenkreuztorte der Konditorei Brennenstuhl hat sich erhalten.

Dürr war nach 1933 redaktioneller Mitarbeiter der „Tübinger Chronik“ und verfügte über gute Kontakte zur überregionalen NS-Presse, berichtete der Referent. Von 1926/27 bis 1930 leitete er die bereits 1923 gegründete Tübinger Ortsgruppe der NSDAP, die ihre „Sprechabende“ in der Wirtschaft Schottei in der Haaggasse 15 abzuhalten pflegte. In den Jahren 1927 bis 1932 war Dürr zudem SA-Sturmführer in Tübingen. Sein Bruder Dagobert fungierte als Gau-Geschäftsleiter der NSDAP in Berlin und als Pressereferent von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels bis 1935.

Wie zahlreiche seiner Zeitgenossen habe der Fotograf es verstanden, „seine Spuren im Zeitraum von 1919 bis 1945 weitgehend zu verwischen“, sagte Schöbel. „Von 1945 bis 1949 versteckte er sich auf Bauernhöfen, ein Netzwerk früherer NSDAP-Parteigenossen half. Ein neuerlicher Job bei seinem früheren Chef Reinerth in Unteruhldingen endete nach fünf Jahren mit einem Arbeitsgerichtsprozess 1958. Später arbeitete Dürr unter anderem für das Stuttgarter Landesdenkmalamt.

Uni-Fotograf und NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinz Dürr
Die ehemalige NSDAP-Geschäftsstelle Münzgasse6 in den späten 1920er Jahren, von Heinz Dürr fotografiert.

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14.05.2011, 12:00 Uhr

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