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Freispruch! – Warum?

Uni-Kriminologen forschen über Urteilspraxis

Jährlich werden rund 27 000 Personen in Deutschland nach einem Prozess freigesprochen – aber warum? Und mit welchen Folgen? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert Tübinger Kriminologen mit 250 000 Euro, um Antworten zu finden.

05.11.2014
  • jol

Tübingen. Gemessen an der Gesamtzahl aller Urteile der Strafjustiz sind 27 000 Freisprüche nicht viel, denn es sind gerade mal drei Prozent. Wer davon betroffen ist, kann eigentlich zufrieden sein. Oder vielleicht doch nicht, weil das ganze Verfahren von vornherein vermeidbar gewesen wäre und Stigmatisierungen unter Umständen unterblieben wären?

Letzteres betrifft insbesondere Personen, die mehr oder wenige lange noch in Untersuchungshaft verbringen, ehe es zu einem Freispruch kommt. Jährlich werden rund 300 derartige Fälle gezählt, die von Unschuldigen besonders schmerzlich erlebt werden. Zu den damit verbundenen Fragen gehört sicher ebenfalls, ob nicht auch wertvolle Ressourcen der Justiz verschwendet werden. Nach vermeidbaren Kosten wird auch in der Justiz immer wieder gefragt. Allerdings findet, so Prof. Jörg Kinzig, das Thema „Ursachen von Freisprüchen“ in Strafrechtswissenschaft und Kriminologie bis jetzt kaum Beachtung. Kinzig ist an der Universität Tübingen Direktor des Instituts für Kriminologie.

Dank Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird nun das Tübinger Institut in einer Querschnittsanalyse alle Freisprüche nach Untersuchungshaft innerhalb eines Jahres erheben. „Bundesweit ist dies die bislang einzige Vollerhebung dieser Art“, sagt Kinzig.

Als weiteren Schritt wollen die Kriminologen erforschen, inwieweit sich die mit Freispruch endenden Verfahren von Prozessen unterscheiden, die mit Schuldspruch oder Verfahrenseinstellung enden. Denn nach deutschem Strafrecht erhebt die Staatsanwaltschaft nur dann Anklage gegen einen Verdächtigen, wenn sie davon ausgehen muss, dass der Beschuldigte wahrscheinlich verurteilt wird. Zwar gilt für den Beschuldigten auch dann immer noch die Unschuldsvermutung, aber die Strafgerichte lassen eine Anklage nur zu, wenn sie eine Verurteilung ebenfalls für wahrscheinlich halten.

Warum und wie es schließlich doch zum Freispruch kommt, wollen die Tübinger Forscher auch anhand von Interviews mit Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern erörtern. Auf Basis dieser Grundlagenforschung sollen sowohl Defizite als auch Reformpotenzial des geltenden Rechts herausgearbeitet werden.

Uni-Kriminologen forschen über Urteilspraxis
Jörg Kinzig

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05.11.2014, 12:00 Uhr

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