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Dicke haben wenig Prestige

Uni-Studie legt Vorurteile gegen Adipöse offen

Übergewichtige Menschen sind bei der Bewerbung um Leitungspositionen im Nachteil: Ihnen werden von Personalentscheidern keine Führungsqualitäten zugetraut, wie ein Experiment von Tübinger Wissenschaftlern beweist.

24.08.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Helmut Kohl war ein Schwergewicht auch in körperlicher Hinsicht, und wurde doch mehrfach zum Bundeskanzler gewählt. Auch andere beim Wahlvolk beliebte Politiker wie Ludwig Erhard oder Franz-Josef Strauß trugen ihre Körperfülle ohne Scheu zur Schau. Als Bewerber um Führungspositionen in der Wirtschaft hätten sie bei heutigen Personalentscheidern schlechte Karten gehabt. Die Tübinger Studie zeigt, dass Übergewichtige bei Stellenbewerbungen eindeutig im Nachteil sind.

„Wir wollten herausfinden, ob bei geschulten Personalentscheidern Vorurteile gegenüber adipösen Menschen vorhanden sind“, sagt Katrin Giel von der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die das Projekt unter der Leitung des Sportwissenschaftlers Prof. Ansgar Thiel und des Psychosomatikers Prof. Stephan Zipfel betreute. Zusammen mit ihrer Kollegin Manuela Alizadeh befragte sie für die Studie 127 Personaler.

Um die Vorurteile gegen Dicke unabhängig von anderen optischen Einflüssen zu erfassen, wurden als „Bewerber“ Personen gleichen Alters und von vergleichbarem gesellschaftlichem Status ausgewählt. Den Personalentscheidern wurden jeweils sechs Bewerberfotos vorgelegt, auf denen alle gleich bekleidet waren, mit weißem T-Shirt und Jeans. Sie unterschieden sich optisch vor allem durch ihr Körpergewicht.

Die Personaler sollten zum einen einschätzen, welchen Beruf aus einer Auswahlliste die sechs abgebildeten Personen ausüben. Außerdem sollten sie sagen, wer wohl für eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl genommen würde. „Die Übergewichtigen“, sagt Giel, „schnitten in beiden Fällen sehr schlecht ab.“ Die Personaler trauten ihnen fast durchweg keine Berufe mit hohem Prestige zu, und fast nie wurden sie für eine Abteilungsleiterstelle in Betracht gezogen.

Dicke Frauen sind doppelt im Nachteil: „Nur zwei Prozent der befragten Personaler“, sagt Ansgar Thiel, „ordneten den adipösen Frauen einen Beruf mit hohem Prestige zu.“ Nur etwa sechs Prozent der Befragten glaubten, dass sie bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl kämen.

Interessanterweise schneiden übergewichtige Männer und Frauen im wirklichen Leben beruflich besser ab, als die Studie nahelegt: Möglicherweise können sie vorhandene Vorurteile in der direkten Begegnung entkräften. Adipöse Männer sind in prestigereichen Berufen in Deutschland fünfmal mehr vertreten, als die Personaler im Experiment vermuteten, Frauen sogar achtmal mehr.

Andererseits überschätzten die Befragten den Anteil von Frauen mit Normalgewicht in Führungspositionen. Daraus folgert für Giel: Personalentscheider haben zwar die „politisch korrekte“ Geschlechtergerechtigkeit schon internalisiert; der Benachteiligungsfaktor Übergewicht bleibt jedoch davon unberührt.

Für Stephan Zipfel spiegelt das Ergebnis die vorhandenen Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen überzeugend wider. Erschreckend ist es vor allem deshalb, weil Personaler normalerweise speziell ausgebildet sind, unabhängig von Vorurteilen zu entscheiden. Dennoch blieben sie im Experiment sogar hinter der Realität zurück.

Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass nicht nur der Kampf gegen Übergewichtigkeit selbst stärker gefördert werden muss, sondern auch das Vorgehen gegen die Stigmatisierung adipöser Menschen. Als ersten Schritt schlagen sie vor – wie im angloamerikanischen Raum längst üblich –, auf Bewerbungsfotos ganz zu verzichten, um die Chancengleichheit zu wahren. „Sonst“, so Thiel, „ist für stark Übergewichtige das Verfahren möglicherweise schon zu Ende, bevor es richtig angefangen hat.“

Die Studie ist ein Projekt des Wissenschaftscampus Tübingen, einer Initiative der Leibniz-Gemeinschaft zur Förderung der interdisziplinären Kooperation in der Empirischen Bildungsforschung.

Archivbild: Hendrik Schwartz / Fotolia

Uni-Studie legt Vorurteile gegen Adipöse offen
© Hendrik Schwartz - Fotolia.com

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24.08.2012, 12:00 Uhr

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