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Trinken ist keine gute Idee

Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (5): Wie gefährlich ist das Bad im Neckar?

Das Baden im Fluss kommt gerade wieder in Mode. Was sagen Umweltexperten dazu?

16.07.2015
  • Nikolaus Hagemann

Tübingen. Der Neckar prägt unsere Stadt – keine Postkarte von Tübingen ohne den Fluss, kein Sommer ohne Stocherkahnfahrt. Doch warum nicht mal vom Kahn direkt ins Wasser springen? Oder ist das Baden im Neckar keine kühle Erfrischung, sondern eine nasse Gefahr?

Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (5): Wie gefährlich ist das Bad im Neckar?

Das Regierungspräsidium hat mit Verweis auf das Landesgesundheitsamt darauf eine eindeutige Antwort: Um naturnah zu baden, soll man eine der über 300 amtlich geprüften Badestellen im Land Baden-Württemberg nutzen. Dazu gehören unter anderem der Hirschauer und der Kirchentellinsfurter Baggersee – aber nicht der Neckar!

Was steckt dahinter? Zunächst birgt ein Fluss verschiedenartige Gefahren. Schifffahrt spielt in Tübingen keine Rolle, die Bundeswasserstraße Neckar beginnt erst in Plochingen. Die Strömung stellt immer eine Gefahr da, insbesondere da sie auch innerhalb kürzester Strecken stark variieren kann. Hinzu kommen Wasserbauwerke wie Buhnen, Wehre oder Schleusen, die besonders starke Strömungen und Strudel hervorrufen können. Hier gilt es immer, größtmöglichen Abstand zu halten!

Auch geübte Schwimmer haben keine Chance, wenn sie eine Strömung unterschätzt haben. Und natürlich ist ein Fluss kein Schwimmbad mit eindeutigen Einstiegen, befestigtem Rand, beschilderter Tiefe und klarer Sicht bis zum Boden. Stattdessen gibt es Wasserpflanzen und Schlamm, die Schwimmern gefährlich werden können. Im Jahr 2013 sind allein in Baden-Württemberg 46 Menschen ertrunken. Deutschlandweit ertrinken in Fließgewässern und Seen pro Jahr über 300 Menschen, das sind mehr als 20 mal mehr als in beaufsichtigten Schwimmbädern.

Doch weiter in der Liste der Gefahren der Fließgewässer: Neben Schifffahrt, Wasserbauwerken und der Strömung bleiben chemische und biologische Gefahren. Chemische Verunreinigungen stellen für den Menschen beim Baden kaum eine Gefahr dar, denn hier leisten unsere Kläranlagen und Umweltauflagen ganze Arbeit. Die Umweltgefahren von Stoffen aus Reinigungsmitteln und anderen Alltagschemikalien, die eine Kläranlage nicht beseitigen kann (siehe weitere Artikel dieser Serie), spielen keine Rolle bei dem vergleichsweisen kurzen Kontakt, selbst bei einem ausgedehnten Badetag.

Ein halbes Glas Neckar ist schnell geschluckt

Spannend werden nun die biologischen Gefahren. Es geht um Mikrobiologie, um Bakterien und Viren. Wie auch die Luft oder der Boden ist auch das Flusswasser voll von Bakterien – das ist ganz natürlich und für den Menschen zunächst harmlos. Doch durch menschliche Aktivität können Fäkalbakterien und Cyanobakterien (bekannt als „Blaualgen“) auch in Maßen vorkommen, die einem Badegast gefährlich werden können. Wie kommen die in den Fluss?

Escherichia coli, Streptokokken und in einigen Fällen auch Salmonellen sowie einige Viren können von unserer Toilette über die Kläranlage in den Fluss gelangen. Auch wenn die meisten Bakterien von der Kläranlage abgeschieden werden, ist das geklärte Wasser nicht keimfrei! Hinzu kommen „diffuse Einträge“, das heißt Wasser, das nach starken Regenfällen über die Oberfläche in den Neckar abfließt. Durch Landwirtschaft und Viehhaltung kann dieses Wasser mit Fäkalien in Berührung kommen.

Da der Neckar kein Badegewässer ist, gibt es keine regelmäßigen Kontrollen seiner Mikrobiologie. Zuletzt untersuchte das Landesgesundheitsamt im Jahr 2001 Wasserproben aus dem Neckar vom Schwarzwald bis nach Mannheim. Keine einzige der zwölf Stellen, an denen während der Badesaison alle zwei Wochen Wasser zur Untersuchung entnommen wurde, erfüllte die mikrobiologischen Richtlinien für Badestellen. Für den Stuttgarter Raum wurde dieses Ergebnis 2011 in einer Diplomarbeit an der Universität Hohenheim bestätigt. Bei „oraler Aufnahme“ des Neckarwassers können so möglicherweise Durchfallerkrankungen entstehen. Zwar möchte wohl niemand das Neckarwasser bewusst trinken, doch die zuständigen Behörden gehen davon aus, dass man beim Schwimmen in der Regel ein halbes Glas Wasser versehentlich verschluckt.

Neben Fäkal-Bakterien müssen wir nun noch Cyanobakterien betrachten. Diese sind besser bekannt als Blaualgen und kommen natürlich in fast jedem Gewässer vor. Sie sind zunächst nicht gefährlich. Doch durch den Eintrag von Nährstoffen (Dünger aus der Landwirtschaft) können sie sich so stark vermehren, dass das Wasser blaugrün erscheint. In diesem Ausmaß können ihre Ausscheidungen beim Badegast Hautreizungen hervorrufen. In Flüssen ist dies kaum möglich, doch in Seen kommt dieses Phänomen leider immer noch vor. In unserer Region war dies zuletzt im Aileswasensee bei Neckartailfingender Fall.

Die Baggerseen Hirschau und Kirchentellinsfurt sind aktuell und in den vergangenen Jahren davon nicht betroffen und weisen auch keine anderen Verunreinigungen auf. Über ihre Wasserqualität informiert das Landesamt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) auf seiner Internetseite.

Die Umwelt-Tipps des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs werden von Wissenschaftlern des Zentrums für angewandte Geowissenschaften (ZAG) an der Universität Tübingen vorgeschlagen, recherchiert und verfasst. An dem im Jahr 2000 gegründeten Zentrum, das zum Fachbereich Geowissenschaften gehört, beschäftigen sich rund 120 Wissenschaftler in insgesamt zwölf Arbeitsgruppen mit verschiedensten Themen und Problemen der Umwelt: Wasser, Schadstoffe im Untergrund, Luftbewegungen, Umweltgifte, Umweltphysik.

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16.07.2015, 12:00 Uhr

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