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Kommentar - Hells Angels

Unschuldslamm im Wolfspelz?

Der Prozess gegen den Hells Angel, der im Juni 2009 bei einer Nachtschwärmer-Party in der Markthalle grundlos einen Mann niedergeschlagen und schwer verletzt haben soll, endete gestern vor dem Reutlinger Amtsgericht mit einem Freispruch. Das war auch nicht anders zu erwarten – am Ende blieben einfach zu viele Zweifel.

04.02.2010
  • Uschi Kurz

Für das Opfer dürfte das Urteil wie ein zweiter Schlag ins Gesicht sein. Der 41-Jährige hoffte, dass jemand beobachtet hatte, wer ihm am Ende jener feuchtfröhlichen Nacht grundlos die Faust so brachial ins Gesicht schlug, dass er fast das Augenlicht verloren hätte. Dennoch nahm er mit bewundernswertem Gleichmut zur Kenntnis, dass die rohe Tat wahrscheinlich ungesühnt bleibt. Er wolle nicht, dass der Angeklagte verurteilt werde, wenn nicht zweifelsfrei feststehe, dass er auch der Täter war, betonte der 41-Jährige.

Er selbst hatte ausgesagt, er sei von einem Unbekannten – einem Mann, den das Gericht nicht ausfindig machen konnte – angesprochen worden, weil dieser Eis für den Drink seines Bekannten (dem Angeklagten) haben wollte. Als er dies mit der Begründung ablehnte, es sei Feierabend, habe der Mann ihn leicht zur Seite gedreht – und dann sei auch schon wie aus dem Nichts die Faust gekommen. Eigentlich könne es nur der Angeklagte gewesen sein, der zusammen mit einem anderen an der Theke gestanden habe. Aber 100-prozentig sicher war sich der 41-Jährige nicht, der damals sofort zu Boden gegangen war.

Wer der Träger der gewalttätigen Faust war, ließ sich auch im Verlauf der Verhandlung nicht ermitteln. Nicht etwa, weil den Vorfall niemand beobachtet hatte, sondern weil die Erinnerung der Zeugen rechtzeitig verblasste. Ohnehin war die Anzahl der Personen, von denen die Polizei am fraglichen Abend die Personalien aufgenommen hatte, reichlich begrenzt. Kaum war nämlich am Tatort der erste Hinweis auf einen „Kuttenträger“ gefallen, wurde hektisch nach dem vermeintlichen Täter gesucht. Und als der böse Bube wenig später im Billy Bob‘s gesichtet wurde, wurden die beiden Streifenbeamten aus der Markthalle abgezogen. Ein verhängnisvolle Fehler, wie Amtsrichter Steve Schulze gestern in seiner Urteilsbegründung beklagte. Denn so entfleuchten in der Markthalle mögliche andere Gäste, die etwas gesehen haben könnten – auf Nimmerwiedersehen. Und mit ihnen jener ominöse dritte Mann am Tresen, der nun auch als möglicher Täter in Frage kommt.

Übrig blieben Zeugen, die nichts gesehen hatten oder sich nicht mehr erinnern konnten. Von Missverständnissen war da die Rede und vom Hörensagen. Aber auch vom Ermittlungseifer der Polizeibeamten, die unbedingt einen Hells Angel dingfest machen wollten. Übrig blieb ein Entlastungszeuge, der ganz sicher war, just in dem Moment mit dem 45-jährigen Angeklagten palavert zu haben als das Opfer – quasi ohne sichtliche Fremdeinwirkung – von hinten geflogen kam. Obwohl die Aussage des ehemaligen SSV-Kickers, bei dem es sich um einen guten Bekannten des Angeklagten handelt, reichlich verworren war, hielt der Richter sie nicht für abgesprochen, weil er mit Details aufwartete, die er nicht vom Angeklagten wissen konnte.

Angesichts der dürftigen Beweislage blieb Amtsrichter Steve Schulze schließlich gar nichts anderes übrig, als den Höllenengel, den seine Verteidigerin Martina Kohler im Laufe der Verhandlung geradezu zum Unschuldslamm stilisiert hatte, einmal mehr freizusprechen. Selbst Staatsanwalt Helmut Zech hatte auf Freispruch plädiert, dabei allerdings auch das Wort mangelnde Zivilcourage fallen lassen.

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04.02.2010, 12:00 Uhr

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