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Übrigens

Unsere Wohnung – die Wohnung der anderen

Ich kenne diese Leute nicht. Und trotzdem mag ich sie direkt nicht besonders. Ich stehe mit meiner Freundin bereits wartend vor dem Haus, als sie aus ihrem schicken Stadtflitzer steigen.

10.01.2017
  • Lorenzo Zimmer

Er so der Typ Schwiegersohn: gegeltes Haar, kamelhaarfarbener Mantel. Joop oder Bogner würde ich tippen. Sie, mit Pelzkragen, hat die Beine ihrer Jeans in den Stiefeln versenkt. Ich dachte, so trägt man das nur auf dem Reitplatz.

Ein kurzes Händeschütteln. „Ihr sucht auch?“ „Ja, ihr auch?“ Blöde Rückfrage. Ich wollte ja nur Smalltalk machen. Jetzt ärgere ich mich über meinen kläglichen Versuch, freundlich zu sein. Bei Licht betrachtet sind wir Konkurrenten im besten darwinschen Sinne. Sie oder wir: Es kann nur ein sympathischeres Paar geben. Bevor sie meine Abneigung wahrnehmen, werden wir vom Makler hereingebeten. Es tue ihm leid, dass wir nicht jeweils einen eigenen Termin bekamen: „Zu viele Bewerber. Tübingen eben“, fasst er zusammen und lächelt freudig.

Klar, für ihn als Makler sind das gute Zustände. Natürlich nehme er sich trotzdem ausreichend Zeit, Fragen seien willkommen, beteuert er. „Können wir das andere Paar für die Dauer der Besichtigung in die Abstellkammer sperren“, denke ich still bei mir.

Schon im Flur treten wir uns gegenseitig auf die Füße. Der Prototyp eines Schwiegersohns stößt mit seinen schmutzigen aber hippen Tretern voller Schneematsch gegen die Fußleiste. „Wehe du machst was kaputt“, murmle ich leise. „Ich will hier bald wohnen.“

Während ich mir ausmale, wie ich ihn samt Madame Stiefelette aus meiner Wohnung werfe, schallt die Maklerstimme aus der Küche. „Sooo. Die müsste übernommen werden. 5000 Euro Festpreis.“ Ich muss schlucken. Das Vorzeigepaar bleibt gelassen: „Gar kein Problem.“ Der prüfende Blick des Maklers schwenkt zu mir: „Äh, ja. Klar. Kriegen wir hin“, stammle ich hervor. Ohne zu wissen wie. Punktgewinn für die Konkurrenz.

Im Bad versuche ich es wiedergutzumachen. „Wanne und Dusche! Das ist ja toll“, lobe ich. „Wieso, planen Sie etwa Nachwuchs“, erwidert der Makler sofort, tarnt das Abklopfen unserer Zukunftspläne geschickt als Smalltalk. Ich fühle mich ertappt und blicke hilfesuchend zum anderen Paar. Sie grinsen und gönnen mir die Bredouille sichtlich. „Vielleicht. Ich weiß es nicht. Schon möglich“, bringe ich heraus. Unsicher, ob der Makler das in seinem Kopf unter Pro oder unter Contra verbucht.

Nachdem wir uns zu fünft durch die restlichen Räume gedrückt haben, ist die Besichtigung beendet. „Wir melden uns bei Ihnen“, verspricht der Makler. „Natürlich auch bei ihnen“, sagt er in unsere Richtung. Als das andere Pärchen in seinen Flitzer steigt, ahne ich, dass er das Versprechen an uns womöglich nie einlösen wird. „Was die wohl über uns gedacht haben“, sage ich leise – mehr zu mir selbst. Meine Freundin hat es geschafft, cool zu bleiben: „Kann uns doch egal sein!“

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10.01.2017, 01:00 Uhr

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