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Dirigenten

Unter Strom

Kirill Petrenko, der designierte Chef der Berliner Philharmoniker, ist kein exaltierter Medienstar wie Teodor Currentzis. Er begeistert rein musikalisch.

20.04.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Ein Energiebündel: Kirill Petrenko. Unten: Patricia Kopatchinskaja begeistert in Baden-Baden. Foto: Stephan Rabold

Baden-Baden. Es ist ein leiser, fahler Trauermarsch. Ein tiefes Seufzen. Und dann spielen die Klarinetten diese Melodie, Ton für Ton absteigend, in die Düsternis hinein. So klingt das Schicksal in der 5. Sinfonie Peter Iljitsch Tschaikowskys – die freilich triumphal und unter Ovationen des Publikums endet, wenn die beiden russischen Superstars dieses Werk hoch emotional aufführen: Teodor Currentzis (47) und Kirill Petrenko (47).

Zwei Dirigenten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: rebellisch, exaltiert bis guruhaft der eine, eher öffentlichkeitsscheu, verbindlich-bescheiden der andere. Wobei Currentzis gar kein Russe ist, sondern Grieche, aber er studierte in St. Petersburg, leitete das Opernhaus in Nowosibirsk und ist seit 2011 Musikdirektor in Perm, von wo aus er mit seinem Ensemble Musicaeterna die Konzertsäle international aufmischt. Jetzt sorgt er auch als Chefdirigent des Stuttgarter SWR Symphonieorchesters für Sensation, wenn er unkonventionell, aber probenfanatisch und mitreißend seine musikalischen Dramen entfacht.

Das wirbelt die Klassik-Szene durcheinander. Daniel Barenboim (76), Riccardo Muti (77) oder Mariss Jansons (76) gehören zu den Altmeistern; und natürlich Herbert Blomstedt, der bald 92 wird, den aber Baden-Baden schon für die Osterfestspiele nächstes Jahr annonciert. Christian Thielemann (60), unbestrittener Held des deutschen Fachs, vertritt die nächste Generation – aber er unterlag vor vier Jahren Petrenko bei der Wahl um den begehrtesten Chefposten der Welt bei den Berliner Philharmonikern.

Der kaum 1,60 Meter große Kirill Petrenko kommt auch aus Sibirien, aus Omsk, zog aber als 18-Jähriger mit seiner Familie ins österreichische Vorarlberg; es war auch eine Flucht vor dem Antisemitismus gewesen. Petrenko studierte in Feldkirch und Wien, machte eine solide Kapellmeisterkarriere und kam nach Chefposten in Meiningen und an der Komischen Oper Berlin als Generalmusikdirekor an die Bayerische Staatsoper. Nicht zuletzt sein Bayreuther „Ring“ katapultierte ihn ganz nach oben und zu einem Heilsbringer.

Den „Schock“ verdaut

Es sei aber für ihn ein „Schock“ gewesen, als die Berliner Philharmoniker, diese „komplexe Einheit“ aus „sehr selbstbewussten Musikern“, ihn zu ihrem Dirigenten wählten – sagte er damals auf der Pressekonferenz. Interviews gibt Petrenko keine. Das heißt: In der Digital Concert Hall, in der das Orchester seine Konzerte online anbietet, ist der designierte Chefdirigent, der perfekt deutsch spricht, sehr freundlich, sympathisch lächelnd und reflektiert als Gesprächspartner in Konzertpausen zu erleben – befragt allerdings von den eigenen Musikern.

Wie zum Beispiel von dem Geiger Stanley Doods, als Petrenko im März in Berlin Tschaikowskys „Fünfte“ und das Violinkonzert Arnold Schönbergs aufführte. Es war noch einer der raren Gast-Auftritte des Russen am Pult der Berliner Philharmoniker, ehe er dann in der nächsten Saison 2019/2020 sein Amt antritt.

Der so präzise wie skrupulöse Petrenko machte klar, dass man noch beim Abtasten sei. Aber dass eine intensive Zusammenarbeit begonnen hat, die Erwartungen aneinander jeweils sehr hoch sind, zeigte jetzt das umjubelte Konzert mit diesem Programm, das Petrenko bei den Osterfestspielen in Baden-Baden dirigierte: ein Luxusklangkörper, der wie entfesselt und doch höchst präzise agiert. Kein Widerspruch, sondern ein Erlebnis.

Dass Petrenko natürlich auch Moderne kann, hat er in München mit Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ demonstriert, im Festspielhaus erklang jetzt Schönbergs Violinkonzert so brillant wie eine romantische Virtuosen-Nummer, nur dass es sich eigentlich um sperrigste Zwölftonmusik handelt. Wobei Patricia Kopatchinskaja barfuß und mit unfassbarer technischer Meisterschaft dieses Werk im wahrsten Sinne locker dahintanzte.

Der Tschaikowsky dann: eher ruhig, gedämpft die Bläser, nichts Unerhörtes, nichts gegen den Strich Gebürstetes, der Walzer im 3. Satz fast unbekümmert locker. Alles aus der Partitur heraus entwickelt. Was bei Currentzis auch ein sakrales Hochamt ist, legt Petrenko, nicht weniger ein Energiebündel, fast altmodisch dem Publikum zu Füßen: rein musikalisch. Aber es ist ein elementares Klangereignis, wenn die perfekten Berliner Philharmoniker unter Strom stehen, wenn deren Streicherpower sich entlädt.

Dem Festspielhaus in Baden-Baden sind solche Vergleiche egal. Denn es hat ja beide: Petrenko an Ostern und vom nächstes Jahr an Currentzis mit seiner Musicaeterna und dem SWR Symphonieorchester an Pfingsten.

Patricia Kopatchinskaja mit Schönbergs Violinkonzert. Foto: Monika Rittershaus Foto: Monika Rittershaus

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Erstellt:
20. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 06:00 Uhr

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