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Beim Volkstrauertag ging es auch um Mitmenschlichkeit und Friedenserziehung

Unter dem Eindruck des Mordens in Paris

Ein Volkstrauertag unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris: So leitete Regierungspräsident Jörg Schmidt die Gedenkfeier auf dem Bergfriedhof am Sonntag ein. Dort rief er auch zum Widerstand gegen neues braunes Gedankengut auf.

15.11.2015
  • DOROTHEE HERMANN

Unter dem Eindruck des Mordens in Paris
Zum Volkstrauertag am gestrigen Sonntag legten der Erste Landesbeamte Hans-Erich Messner (von links, im Vordergrund), Tübingens Erste Bürgermeisterin Christine Arbogast und Regierungspräsident Jörg Schmidt auf dem Tübinger Bergfriedhof einen Kranz am Mahnmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs nieder.Bild:Faden

Tübingen. Zu der Feierstunde waren etwa 120 Menschen in die Trauerhalle des Bergfriedhofs gekommen. Regierungspräsident Jörg Schmidt dankte ihnen: „Sie alle bezeugen, dass die Opfer der Kriege nicht vergessen sind.“ 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wisse in Deutschland kaum jemand mehr, wie es ist, Todesangst zu haben. „Und doch bekommt man eine Ahnung davon, wenn man die Fernsehbilder von Freitagnacht sieht“, sagte Schmidt. Der diesjährige Volkstrauertag stünde „ganz unter dem Eindruck des Mordens in Paris“.

Mord wird in Bibel und Koran geächtet

Wie bedroht der globale Frieden sei, zeigten die vielen Flüchtlinge, die in Europa Schutz suchten und auch die Terroranschläge vom Freitag, sagte der Regierungspräsident. „Kinder sind die Hauptleidtragenden von Krieg und Gewalt, selbst wenn sie nicht selten von Terror-Regimen für den Kriegsdienst missbraucht werden.“

Deshalb sei es wichtig, Kindern tagtäglich den Frieden zu erklären, „damit sie nie anderen den Krieg erklären“. Zu dieser Friedenserziehung gehöre auch das Gedenken an die Toten am Volkstrauertag, so Schmidt.

„Es schaudert uns bei dem Gedanken, dass Menschen noch immer anderen Menschen Gewalt antun“, sagte der Regierungspräsident. Dabei lehre die christliche Tradition „Du sollst nicht töten.“ Im Koran gelte ein Mensch, der einen anderen umbringt (ohne dass dieser selbst einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet habe) als einer, der die ganze Menschheit ermordet hat, zitierte Schmidt und ergänzte: „Wer ein Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“

Über die Verbrechen der Nazis sagte Schmidt: „Man empfindet Scham für das, was von deutscher Hand geplant und ausgeführt wurde.“ Dazu komme die Wut, „dass es einem verbrecherischen Regime mit menschenverachtendem Gedankengut gelingen konnte, ein ganzes Volk für seine Ziele einzusetzen, der Generation unserer Eltern und Großeltern ihre Zukunft zu rauben und Millionen Menschen mit in die Katastrophe des Untergangs zu ziehen“. Aus dieser historischen Verantwortung heraus „müssen wir uns wehren, wenn neues braunes Gedankengut neues Leiden in Deutschland und in Europa verursacht“.

Der Volkstrauertag sei in den 1920er Jahren zur Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs begangen worden, sagte der katholische Pfarrer Dominik Weiß. „Man konnte noch nicht ahnen, dass ein weiterer, noch bestialischerer Krieg folgen würde.“ Die Erinnerung an diesem Gedenktag müsse auch die vielen Menschen aus unseren Tagen einschließen, „die bei der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind“ – und die Opfer der schrecklichen Terroranschläge von Paris. Doch entscheidend seien auch die guten Erfahrungen mit anderen Menschen – mit den vielen, die sich für Flüchtlinge einsetzten, und den namenlosen Helfern im grauen Alltag der 1930er und 1940er Jahre, die vielleicht nur im entscheidenden Augenblick beide Augen zugedrückt hätten.

Weltweit sind aktuell 60 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Diese Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks nannten bei der Feierstunde zum Volkstrauertag gestern auf dem Bergfriedhof Nadine Ritzi und Dagmar Nolden vom Förderverein Berghof Peace Education. „Die meisten fliehen in Nachbarländer. Einige kommen nach Europa, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder.“ Sie zitierten Erfahrungen einer 17-Jährigen aus Syrien: „An Deutschland mag ich, dass hier Frieden ist. Es gibt keine Bombenangriffe und keine lauten Geräusche. Aber es ist auch ein bisschen traurig.“ Denn sie habe ihre Verwandten nicht mehr um sich.
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15.11.2015, 12:00 Uhr

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