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Überraschung in der Abbruchvilla: Illustrative Pädagogik im Haus

Unter der Tapete ein Fresco von Ernst Maria Fischer

Ein Tübinger Pädagogikprofessor ließ sich 1933 im Treppenhaus seines Neubaus ein Fresco malen. Der Professor war ein bekennender Nazi, der Maler das Gegenteil. Vor wenigen Tagen kam das Fresco nicht ganz zufällig unter der Tapete hervor. Was es damit auf sich hat, gibt noch einige Rätsel auf.

02.06.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Die Professorenvilla an der Ecke Waldhäuser Straße / Im Schönblick ist ausgeräumt, ihre Tage sind bereits gezählt. Draußen zeigt eine Tafel die Zukunft des 2300 Quadratmeter großen Grundstücks: eine Wohnanlage mit je zwei Eigentumswohnungen auf drei Stockwerken, jede wird über rund 170 Quadratmeter Fläche verfügen und einen unverbaubaren Blick bieten hinüber auf die Schwäbische Alb.

Zunächst noch etwas zögerlich

Der Tübinger Immobilenmakler Ulrich Polzer hat das Anwesen im Herbst 2013 aus Privatbesitz erworben und will es in der Absicht einer, wie er sagt, „behutsamen innerstädtischen Nachverdichtung“, abreißen. Erstaunt erfuhr er, dass im 16 Quadratmeter messenden Obergeschoss des Treppenhauses größere Wandmalereien verborgen sein sollen. Zunächst noch etwas zögerlich ließ er sich darauf ein, das verborgene Kunstwerk erforschen zu lassen.

Den Hinweis hatte Adelheid Haag gegeben, eine pensionierte Lateinlehrerin aus der Nachbarschaft. Sie wohnt in einem Haus, das vom selben Architekten Ernst Breitling etwa zur gleichen Zeit erbaut wurde und hat wie andere Anwohner mit Wehmut die 1929 erbaute Villa untergehen sehen. Sie erinnert sich, wie sie als Kind bei den Nachbesitzern des Erbauers zu Gast war und die bunt bemalten Wände bestaunt hatte. Und sie weiß auch, dass der Drittbesitzer – der Juraprofessor Joachim Gernhuber – vor einem halben Jahrhundert das wuchtige Farbenspiel unter einer Tapete diskret verschwinden ließ.

Sollte man sich nicht mit kennerischem Blick noch einmal dafür interessieren, was mit dem Abbruch auf Nimmerwiedersehen in den Bauschutt sinken soll? Adelheid Haag rechnete gewiss nicht mit einem Kunstwerk etwa von Otto Dix, was Polzer, wie er gegenüber dem TAGBLATT einräumte, möglicherweise dazu veranlässt hätte, seine Baupläne zu überdenken. „Ich wurde gefragt, ob ich es erlauben würde, den Tapetenuntergrund zu untersuchen“, sagte er. Die Pensionärin stiftete dafür 1000 Euro, gewann für eine erste Prüfung die Tübinger Restauratorin und Kunsthistorikerin Julia Feldtkeller.

Zu dritt verabredeten sie sich am Tat-Ort, wo Julia Feldtkeller an einer Stelle mit Spachtel und Skalpell ein Stückchen Tapete löste. Es ließ sich ohne großen Widerstand nach unten ziehen und enthüllte zugleich, Stück um Stück, erst Rücken, dann Gesäß und Beine eines Männeraktes. Nach weiteren Befreiungsbemühungen schälte sich eine Jünglingsgestalt heraus, die an einem Baum lehnt, vor sich das offene Meer, auf dem ein Segelboot treibt. Nach und nach entfernte die Restauratorin die gesamte Tapete, doch noch immer genierte sich das Kunstwerk vor der endgültigen Entblößung. Anstreicher hatten, ehe sie einst die Tapete drüberklebten, eine feine Gipsschicht über das Fresco gezogen, um auf diese Weise die Oberfläche zu glätten.

Unter der Tapete ein Fresco von Ernst Maria Fischer
Selbstbildnis von Ernst Maria Fischer im Alter von 19 Jahren. Neun Jahre später malte er das Tübinger Fresco.

Für Julia Feldtkeller war sogleich klar, dass der farbige Untergrund höherwertig war als nur von ein paar schnellen Pinselstrichen erzeugt. Alle Anzeichen sprachen für ein Fresco. Mit ihren erklärenden Hinweisen weckte sie auch das Interesse des Maklers an weiteren Enthüllungen – und auch seine Bereitschaft, sich an den Kosten zu beteiligen. Die Restauratorin entfernte die Gipssschicht, zumal erste Recherchen Aufschluss über den Maler gaben.

Auftraggeber war Oswald Kroh gewesen, wissenschaftsgeschichtlich eine schillernde Figur. Der 1887 geborene Westfale war zunächst Volksschullehrer von Beruf und begann nach einem Aufbaustudium eine akademische Karriere, die ihm 1923 einen Ruf an die Universität Tübingen als Professor für Erziehungswissenschaften einbrachte. Im selben Jahr, in dem ihm als nächste Karrieresprosse in Tübingen ein Lehrstuhl für Pädagogik übertragen wurde, ließ er sich in der Waldhäuser Straße die Villa bauen, deren Abriss nun bevorsteht. Vier Jahre später, am 1. Mai 1933, trat Kroh zusammen mit einigen wenigen Kollegen in die NSDAP ein. Sie waren deren erste Mitglieder an der Tübinger Universität.

Bis dahin wird Kroh von Wissenschaftshistorikern fachlich noch zu den Reformpädagogen gerechnet, politisch segelte er freilich auf stramm nationalem Kurs. An der Universität beteiligte er sich organisatorisch und inhaltlich an der radikalen Umgestaltung durch die Nazis. Ein Seminarthema wie „Völkische Menschenkunde als Grundlage deutscher Erziehung – Übungen zur Rassenseelenkunde“ soll als Stichwort genügen. Ab 1937 schielte er auf den Münchner Lehrstuhl seines einstigen akademischen Lehrers Aloys Fischer. Denn Fischer war im Sommer 1937 zwangsemeritiert worden, da er mit einer Jüdin verheiratet war. 1938 folgte Kroh dem Ruf nach München.

Wie Julia Feldtkeller aus einer eher beiläufigen Bemerkung in einer biographischen Veröffentlichung über Kroh erfuhr, hatte der Tübinger Pädagoge den Maler Ernst Maria Fischer mit dem Fresco in seinem Haus beauftragt, Aloys Fischers ältesten Sohn. Als die Restauratorin den Gips vollends entfernt hatte, kam als Krönung noch eine Signatur zum Vorschein: E. M. Fischer 1933. Über den Grund dafür, dass gerade Fischer den Auftrag erhielt, ist bislang noch nichts bekannt. Auch nichts darüber, wie detailliert die Vorgaben an den Künstler waren und ob möglicherweise Krohs empirische Forschungen über die Phasen der Jugendentwicklung den Roten Faden der bildnerischen Darstellung bedeuteten.

Emigration nicht mehr genehmigt

Als Kroh 1938 nach München wechselte, war Aloys Fischer wenige Monate vorher an den Folgen einer Magenoperation gestorben und seinem Sohn war jegliche künstlerische Tätigkeit untersagt worden. Vor der Genehmigung seiner Emigration nach Brasilien sollte Ernst Maria Fischer im Juli 1939 eine zweimonatige Wehrübung absolvieren. Sie ging in einen Kriegseinsatz über, in dem er tödlich verletzt wurde. Seine Mutter sowie deren Schwester und Schwager wurden 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie ums Leben kamen.

Was wird nun mit dem Fresco? Der Abriss der Villa ist auf September terminiert. Feldtkeller hält es für machbar, das Fresco abzutragen und auf einen anderen Träger aufzubringen. Polzer stellt in Aussicht, sich auch daran finanziell zu beteiligen. Die Frage ist nur: Wohin damit?


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