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Der Leitartikel

Unterirdische Planung

Kann Deutschland noch Großprojekte? Seit dem Berliner Flughafen-Fiasko und den Endlos-Debatten um Stuttgart 21 sind Zweifel angebracht. Wenn jetzt die Infoveranstaltungen zu den Stromautobahnen von Nord nach Süd beginnen, rückt eine Baustelle ins Blickfeld, bei der sich die Politik auch nicht mit Ruhm bekleckert – und ihre Konfusion mit vielen Milliarden kaschiert.

06.10.2016
  • ROLAND MÜLLER

Unstrittig ist: Für die Energiewende sind die Trassen von zentraler Bedeutung. In Süddeutschland wird viel Strom verbraucht, aber wenig produziert. Wenn die letzten Atomkraftwerke wegfallen, verschärft sich diese Schräglage. Damit Wind- und anderer Strom aus dem Norden gen Süden fließen kann, braucht es neue Leitungen.

Doch sobald klar wurde, wo die „Korridore“ verlaufen sollten, begannen Anwohner-Proteste – und an deren Spitze setzte sich rasch ein Mann, der die Republik gern mit Querschüssen in Atem hält: Horst Seehofer. Der bayerische Ministerpräsident wetterte so erfolgreich gegen „Monstertrassen“, dass die Netzbetreiber ihre Pläne einstampfen und zurück ans Reißbrett mussten.

Seither heißt das Zauberwort Erdverkabelung – statt über hässliche Masten sollen tausende Kilometer Stromautobahnen nun vorrangig unterirdisch verlaufen, das beschloss die schwarz-rote Koalition vor einem Jahr. Der Kompromiss verspricht zwar weniger Ärger mit Anwohnern – doch er verursacht milliardenschwere Mehrkosten. Erdkabel in dieser Größenordnung sind bisher kaum erprobt. Experten schätzen, dass sie etwa drei- bis achtmal teurer sind als Freileitungen. Seriös beantworten kann die Kostenfrage aber derzeit niemand – eine fatale Voraussetzung, um ein Infrastrukturprojekt dieser Größe zu beginnen. Allein die mehrjährige Verzögerung, die durch Seehofers Eingrätschen entstand, kostet jährlich Milliarden. Ein hoher Preis für das Recht auf unverstellte Landschaft.

Abgewälzt wird die Rechnung ein weiteres Mal auf den Kunden. Der Strompreis steigt weiter, die Konzerne haben bereits angekündigt, ihre Netzentgelte drastisch zu erhöhen. Was häufig unter „Kosten der Energiewende“ verbucht wird, ist auch der Preis für politische Schwäche.

Doch wundersamerweise bleibt der Aufschrei aus, Deutschland kann es sich wohl leisten – es darf gern auch das Vielfache kosten. Dabei beklagten Lobbyisten und Wohlfahrtsverbände noch vor kurzem die angeblich grassierende „Stromarmut“: Arme Hartz-IV-Familien müssten immer öfter im Dunkeln sitzen, weil sie sich die Energie nicht mehr leisten könnten, so ging die Erzählung, an der Politiker von CDU und FDP kräftig mitfabulierten. Die Schuldigen waren schnell ausgemacht: grüne Gutmenschen, die mit ihrer Solaranlage einen Reibach auf Kosten der Ärmsten machten. Es war eine Neidkampagne, die Erneuerbare diskreditieren sollte. Wo ist die Sorge um die „Stromarmut“ geblieben, wenn Milliarden für Erdkabel vergraben werden?

Die Trassen-Possen sind beispielhaft für das unterirdische Management der Energiewende. Dabei nimmt diese weltweit Fahrt auf: In China, USA, Indien, Japan erleben neue Energien einen enormen Boom. Doch ausgerechnet Deutschland scheint das Thema im entscheidenden Moment zu verstolpern.

leitartikel@swp.de

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06.10.2016, 06:00 Uhr

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