Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Untote im Blutrausch
Schaurig: Heiko Trinsinger als Lord Ruthven, der Vampir. Foto: Iko Freese
Heinrich Marschners Oper "Der Vampyr"

Untote im Blutrausch

In Berlin erweckt Heinrich Marschners Gruseloper "Der Vampyr" Untote wieder zum Leben: Schauerromantik und Rocky Horror Picture Show.

06.04.2016
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Die Komische Oper in Berlin ist, seit sie von Barrie Kosky von einem Publikumserfolg zum nächsten gejagt wird, häufig für eine unerhörte Überraschung gut. Das gelingt ihr jetzt auch mit Heinrich Marschners - auf Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori zurückgehendem - Grusical "Der Vampyr". Die 1828 in Leipzig uraufgeführte Schauer-Oper steht ganz im Schatten von Webers "Freischütz"; gleichzeitig aber weist sie überdeutlich auf Wagners "Fliegenden Holländer" voraus.

Marschner komponiert versiert stilsicher, im romantisch-melodiösen Klangbild seiner Zeit, gewiss konventionell, aber seine Kunst reicht allemal, die herzschmerzigen Reim-Verse dämonisch zu unterfüttern und in d-Moll den Frauenverführer-Vampir zu Mozarts Don Giovanni aufschließen zu lassen. Das überfrachtete dreistündige Original ist in der Komischen Oper nun glatt um mehr als die Hälfte gekürzt, mitgerechnet fast eine hinzukomponierte Viertelstunde von Johannes Hofmann, die als eine Art zünftig effektvoller Filmmusik zwischengeschoben ist und den durchaus gebannten Zuhörern lauter Wechselbäder der (Mit-)Gefühle beschert.

Ein Vampir also - heute assoziiert man mit solchen blutsaugenden Wiedergängern die ziemlich jugendfreie "Twilight"-Saga. Diese bisswütige Gestalt der Nacht aber sucht ihren Lustgewinn am Morden vielmehr in einer schwarzromantischen Tradition - man denkt sofort an Dracula und Konsorten. Heiko Trinsinger singt den Vampir mit baritonalen Schmelz so zwielichtig, als sei er mindestens auch noch Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Seine Bereitschaft zur Gewalt geht so weit, dass er zwischendurch schnell mal zum knatternden Maschinengewehr greift und alle eh schon nur auf Zeit ins verkrüppelte Leben zurückgerufenen Untoten sicherheitshalber nochmals niedermäht.

Dabei ist die an nichts sparende Inszenierung letztlich - witzig! Sie umspielt und umspült den schaurigen Vampir-Mythos mit so viel augenzwinkerndem Trivialkino-Horror, dass sich niemand fürchten muss. Antu Romero Nunes hat das mit dem wie immer überrumpelnd spielfreudigen Ensemble der Komischen Oper temporeich und temperamentvoll inszeniert. Der 33-jährige chilenisch-portugiesische Tübinger, theatersozialisiert am legendären Melchinger Lindenhof und seit zehn Jahren mehrfach preisgekrönter Schauspielregisseur an großen Häusern, hat sich hiermit auf Anhieb auch als metiersicherer Opernregisseur etabliert. Seine rahmensprengend wilde Inszenierung hat das ganze Produktionsteam so total zu glühenden Vampirismus-Verfechtern gemacht, dass sich auch der flotte wagnererprobte niederländische Dirigent Antony Hermes ein blutendes Herz auf sein Hemd hat malen lassen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball