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Aus dem Nähkästchen

Uraufführung: Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“

Das ist schon ein Coup: ein Stück der weltweit erfolgreichsten Theaterautorin uraufführen zu dürfen. Dem Deutschen Theater in Berlin ist dies gelungen. Eine tolle Aufführung. Aber auch ein tolles Stück?

04.10.2012
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Die 53-jährige Französin hat schon zehn Stücke geschrieben. Zwei davon, „Kunst“ und „Der Gott des Gemetzels“, waren so erfolgreich (in 40 Sprachen übersetzt!), dass ihre Autorin mehrfache Millionärin geworden ist. Ein neues Stück von Yasmina Reza ist also vielversprechend. „Ihre Version des Spiels“ liegt schon sieben Jahre gedruckt vor, wurde aber erst jetzt, und das auf Deutsch, in Berlin vom Theater ihres Vertrauens uraufgeführt.

Das Deutsche Theater unter Intendant Ulrich Khuon hat sich auch liebevoll alle Mühe gegeben und vier fabelhafte Darsteller ins Rennen geschickt. Denn, wie fast immer bei Reza, handelt es sich um ein Vier-Personen-Stück. Diese Personen, zwei Männer und zwei Frauen, treten taumelnd in einen Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Clinch, der sich gewaschen hat. Doch bis es deutlich wird, wo da zwischen wem welche Fronten verlaufen, muss man sich erst einmal auf eine schlicht gestrickte, vielmehr: gehäkelte Literatur-Persiflage einlassen.

Doch jetzt gleich zu den Schauspielern. Alexander Khuon ist ein zum Freizeit-Lyriker neigender Bibliothekar als Veranstalter einer Autorenlesung in der tiefsten französischen Provinz. Fahrig, aus überspielter Hilflosigkeit extrem schnell sprechend und sich entsprechend leicht verhaspelnd, später dann aber, hysterisch außer sich geratend, eine verwandte (Dichter-)Seele der Hauptperson, einer berühmten Schriftstellerin.

Die wird von Corinna Harfouch hinreißend gespielt. Denn sie ist in gleich mehrere Ichs gespalten. Vor allem aber ist sie eine Doppelgängerin von Yasmina Reza herself: zu Interviews über das Verhältnis von Romanschreiben und wirklichem Leben genötigt, fummelt sie geistesabwesend an ihrer Handtasche herum, fährt dann aber auch blitzschnell furienhaft aus ihrer Haut und schlägt gequält verbal um sich.

Was dann die aalglatt-aasige Journalistin von Katrin Wichmann trifft, die in höhnischer Überlegenheit die eingeschüchterte Schriftstellerin stets locker vom Hocker ihre Allmacht des vernetzten Kulturbetriebs spüren lässt. Zum Schluss kommt kropfüberflüssig, ein Bürgermeister ins Spiel, den Sven Lehmann schön ins offene Messer der drei Literatur-Profis laufen lässt. Yasmina Reza packt also mit 30-jähriger (Leidens-)Erfahrung aus und plaudert elegant aus dem Nähkästchen: Ich über mich und den, soll er mich doch bitte in Ruhe lassen, Rest der Welt. Das ist in der Perspektive auf die Personen klug verschachtelt und raffiniert verfremdet beim systematischen Abhandeln des ewigen Reza-Reizthemas: Leben und Kunst, zwei Paar oder bloß ein Paar Stiefel? Neue Erkenntnisse allerdings vermittelt das nicht.

Auch nicht, wenn es talkshowartig zu einem Quiz von Literaten über Literaten kommt. Und weil alles in Stephan Kimmigs mal leiser, mal lauter, immer aber von spannungsvollen Verlegenheitspausen doch schon sehr lebensecht durchwirkter Inszenierung mitten zwischen leerem und vollem Zuschauerparkett angesiedelt ist, dürfen auch wir als Original-Publikum miträtseln, wer wohl Edna OBrien gewesen ist, der solch zitierfähig goldene Worte über Dichtung und Wahrheit entschlüpft sind.

Auf der Frankfurter Buchmesse wäre „Ihre Version des Spiels“ das Stück der Stunde. Fern aber vom Kern der nicht ganz unwehleidigen Reflektionen einer schwer selbstbetroffenen Schriftstellerin nimmt man das praktisch handlungslose Dialog-Stück am besten als Edelboulevard und erfreut sich unbeschwert an den vier brillanten Darstellern auch dann noch, wenn sie, wie vom wilden Affen gebissen, in stummfilmhaftem Groteskgebalze nur noch dem Gott des Gemetzels huldigen.

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04.10.2012, 12:00 Uhr

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